Camille Henrot: Wiedersehen macht Freude

 

Manchmal braucht es ein bisschen Zeit, bis man alle Punkte miteinander verbunden hat. Bei mir und Camille Henrot hat es heute Klick gemacht.

Wir haben euch im Januar den Chat-Verlauf zu Camille Henrot gezeigt, den wir im Anschluss an Days Are Dogs im Palais de Tokyo Paris hatten. An irgendeiner Stelle habe ich noch geschrieben, dass ich wenig über die Künstlerin und ihre erschöpfenden, fast wissenschaftlichen Forschungsmethoden weiss.

Bis ich beim Googeln im Anschluss an die Ausstellung über Grosse Fatigue gestolpert bin. Die 13-minütige Video-Arbeit von Henrot stammt aus dem Jahr 2013, hat auf der Biennale in Venedig für Aufsehen gesorgt und wurde mit dem silbernen Löwen ausgezeichnet.

 

Es geht darin um die Entstehung der Erde, des gesamten Seins, und das aus der Sicht aller Religionen und Glaubensrichtungen. Ein unglaublich dichtes Netz an Informationen, das in einem Hip-Hop-artigem Rhytmus und mit simplen Beats unterlegt vorgetragen wird. Und hier der Clou: Die Worte stammen von einem amerikanischen Dichter namens Jacob Bromberg, den ich 2015 in Paris kennengelernt hatte. In dem Schreibkurs, den ich damals an der AUP besucht hatte, war er zu Besuch und hat uns in aller Länge das Video und den Entstehungsprozess seines Gedichts nähergebracht.

Damals wusste ich nichts von Camille Henrot, und habe zwar in einer Randnotiz in meinem Hinterkopf abgelegt, dass sie an der Biennale ausgezeichnet wurde, aber die Verbindung nicht hergestellt, als ich in Paris ihre Ausstellung im Palais de Tokyo gesehen habe. Doch die Arbeit (und vor allem der Text von Bromberg) ist mir in Erinnerung geblieben.

Wiedersehen macht tatsächlich Freude
Und heute dann der dritte Streich: Grosse Fatigue befindet sich in der Sammlung des Guggenheim Museums New York, wo ich gerade arbeite. Und drüber gestolpert bin ich ganz zufällig durch das wunderbare Prokrastinations-Tool auf der Website des Museums, das im Zufallsmodus Werke aus der Guggenheim-Collection anzeigt (ganz runterscrollen auf der Startseite). Grosse Fatigue scheint mich zu verfolgen.

Ich kann gar nicht genau beschreiben, was die Wirkung des Videos so extrem macht, und leider habe ich auch nur einen kleinen Ausschnitt auf Vimeo finden können, aber die Kombination aus der überfordernden Bildflut von sich endlos überlagernden Browserfenstern, der Musik und den sakral wirkenden Worten über das menschliche Dasein, fesselt unglaublich.

In the beginning there was no earth, no water – nothing. There was a single hill called Nunne Chaha.
In the beginning everything was dead.
In the beginning there was nothing; nothing at all. No light, no life, no movement no breath.
In the beginning there was an immense unit of energy.
In the beginning there was nothing but shadow and only darkness and water and the great god Bumba.
In the beginning were quantum fluctuations.

 

Das Werk ist das Ergebnis eines Stipendiums, das Henrot Zugang zum Archiv des Smithsonian Instituts gewährt hat, dem grössten wissenschaftlichen Museumskomplex der Welt. Die Sammlung besteht aus etwa 142 Millionen Exponaten, die perfekte Basis für die immense Forschungsarbeit der Künstlerin.

“The film is built on a Google search”, erklärt sie im Video oben, “Before filming, I created folders with a whole bunch of images that I had found, and which I put beside one another on my screen in order to think about how I was going to link the different elements together.” In Grosse Fatigue poppen Fenster auf, die mystisch, historisch, ästhetisch, esotherisch, wissenschaftlich, gläubig und abergläubig wirken. Es sei auch für Henrot selbst ein Versuch gewesen mit der immensen Dichte an Informationen umzugehen.

Doch Henrot wäre nicht Henrot, wenn sie nicht versuchen würde, Ordnung zu schaffen. Sie vergleicht die Schöpfungsansätze, manchmal war da zuerst ein Gott, manchmal das grosse Nichts, manchmal Wasser, manchmal Licht. Und sie stellt alles nebeneinander, sodass es trotzdem Sinn zu ergeben scheint.

Henrot spricht auch die Absurdität der naturhistorischen Sammlung an, in der sie geforscht hat. Sie bringt es mit dem Begriff “Gewalt” in Verbindung, da dieser Superlativ von Institut der westliche Kultur darauf gründet, millionenfach Artefakte von “traditional cultures” wie den amerikanischen Ureinwohnern zu stehlen. Tausende Assoziationen zu dieser Art von Gewalt gehen hier auf; aktuelle Kontroversen zu Raubkunst, über Kunstrückführung bis hin zur cultural appropriation – Grosse Fatigue, ein Erschöpfungszustand, angesichts der enormen Masse an Anknüpfungspunkten ist wörtlich zu nehmen.

 

Wikipedia-Seiten öffnen sich vor Naturaufnahmen, manikürte Hände blättern durch grosse Bildbände, ein dicklicher Mann unter der Dusche, Vogeleier, Vogelpräparate, getrocknete Pflanzen in riesigen Schränken im Keller, konserviert für die Unendlichkeit, eine Orange wird gerollt, manchmal auch ein Ei, ein Augapfel, dann läuft eine Schildkröte betörend langsam über die Bildfläche. Puh.

 

Nach 13 Minuten Sprint durch die Geschichte allen Seins, von Urgöttern zur Jetztzeit, endet das Video mit dem schweren Atem des Sprechers. Ein Teil von mir war froh, dass die Lawine vorbei war, ein anderer Teil wollte das Video direkt noch Mal schauen.

Henrot sammelt Wissen, komponiert es zu einem grausam lähmenden Remix in der hysterischen Bilderflut und schafft ein opulentes Werk, das einen mitspült wie eine riesige Welle. Grosse Fatigue hat eine physische Präsenz, die sich fast nicht beschreiben lässt, und ich wünsche jedem, ein Mal über das Video zu stolpern. Es wird dich nicht mehr loslassen, spätestens bei der zweiten oder dritten Begegnung.

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