Death to the paradisiac promise: Mein erstes, eigenes kleines Kunstprojekt

 

Es war an einem kalten Winterabend (ja, klassischer 0815 Anfang. Aber es war wirklich kalt. Und Winter. Und dunkel). Ich war schon seit Längerem auf der Suche nach einem künstlerischen Ausdrucksmittel, das zu mir passt. Ich hatte einfach genug von Hobbies, die letzten Endes nur auf “Konsum” basieren (einschliesslich lesen). Ich wollte einfach einmal auf der Output und nicht auf der Input Seite stehen.

Das Gespenst, das mich nicht loslässt

Ann brachte mich schliesslich auf die Idee, mit einer Analogkamera zu fotografieren, nachdem ich ihr nach etwa fünf Gläsern Rotwein und in einem (sehr) melancholischen Zustand davon erzählt hatte, dass mich das Konzept der Zeit fasziniere: Seit Jahren spukt die Zeitidee wie ein Gespenst in den Tiefen meiner Gedankenwelt. Es fesselt mich einfach, wie die Zeit einem ständig durch die Finger rinnt und sich plötzlich so unendlich träge anfühlen kann. Und nicht zuletzt interessiert mich, wie oft sich Leben und Tod in Alltagssituationen bitter-süss miteinander vermischen. Man muss nur den Blick darauf schärfen. Da hatte ich ihn: den Aha-Moment. Irgendwie machte es Klick, obwohl mir gleichzeitig auch Gedanken hochgeschossen kamen wie: “Heutzutage fotografiert doch jeder, das ist doch nichts Besonderes mehr.” und “Ich habe doch keine Ahnung von der Technik…was, wenn meine Fotos schlecht sind?”

Raus aus dem Mindfuck

NEIN! Raus aus dem Mindfuck. Das macht alles nichts, denn es gibt immer tausend Ausreden, wieso man nicht mit etwas anfangen soll, das für einen selbst neuartig und herausfordernd ist. Ich hielt mich an der Idee fest, dass meine Faszination für Zeit und das Medium Analogkamera irgendwie verwandt und füreinander geschaffen sind. Also ging ich zum Fotoladen, liess mich beraten und kaufte mir ein Occasion-Ding. Zuhause schaute ich zuerst ein YouTube Video, da ich keine Ahnung hatte, wie man einen Film einlegt. Nachdem der Film eingespult war (oh welch ein Erfolgserlebnis!) ging ich auf die Strasse…und fing an zu knipsen. Das Geräusch, das die Kamera jedes Mal von sich gibt, wenn der Film belichtet wird, flüsterte mir ins Ohr: “Das macht echt Spass.” (Hier geht’s zum Beitrag “Fotokunst als Gegentrend zur rapiden Digitalisierung”)

Pseudonym 1 - Deterioration of a house and its blossoming garden.jpg
Der Kreis schliesst sich

Das höchste Glücksgefühl hatte ich jedoch, als ich nach ungefähr einem Jahr den Film zum Entwickeln abgab. Ein ganzes Jahr habe ich nämlich gebraucht, um einen 36er Film zu füllen. Die Sujets habe ich während diverser “Jagdrunden” stets behutsam und sehr bewusst ausgewählt. Jedem Sujet habe ich nur eine Chance gegeben und jeweils nur einmal abgedrückt, um das Gefühl der Vergänglichkeit zu intensivieren. Entsprechend aufgeregt und gespannt war ich auf die Resultate. Ich konnte mich ja gar nicht mehr an alle 36 Fotos erinnern. Und als ich endlich die Fotos abholen und anschauen durfte, ging mir ein angenehmes Gefühl durch den Bauch. Bei Weitem waren nicht alle Fotos gelungen. Nicht einmal annähernd. Aber ich hatte ein Resultat in der Hand. Etwas, das ich geschaffen hatte. Und irgendwie Sinn machte. Der Kreis hatte sich geschlossen.

Der Stern ist bereits dem Tod geweiht

Und da merkte ich, dass ich damit nicht nur ein neues Hobby gefunden, sondern eigentlich mein erstes, eigenes kleines Kunstprojekt abgeschlossen hatte. Also gab ich ihm einen Namen: Death to the paradisiac promise. Es ist naheliegend, dass ich mich dabei von der biblischen Schöpfungsgeschichte inspirieren liess. Denn mir gefiel die Allusion zum Rauswurf aus dem Paradies, der eigentlich aus nichts anderem bestand, als aus dem Überstülpen des Zeit-Konzeptes über das menschliche Dasein. Und seither sind wir konfrontiert mit Verwesung, Tod, Krankheit und Elend. Aber eben auch gesegnet mit allem Gegenteiligem davon. Wir haben uns aber nie richtig damit abgefunden und sind von der Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies nie ganz erlöst worden. Ständig versucht unser menschliches Wesen verzweifelt nach der uns entrissenen Unendlichkeit zu greifen. Denn wir wollen nicht vergessen werden. Wir wollen wie ein Stern in alle Ewigkeit hinein verglühen. Tatsache ist aber, dass der Stern, der leuchtet, bereits dem Tod geweiht ist. Und das ist ok so.

Pseudonym 5 - The old and the young - new.jpg


 

Weitere Informationen

Nach dem Entwickeln wähle ich jeweils die besten Bilder aus und lasse diese beim Fotopro am Rennweg digitalisieren (ca. 2 CHF pro Bild). Da ich keine Ahnung von Fotobearbeitung habe, bastle ich am Computer nur noch ganz leicht am Kontrast, schneide die Bilder noch ein bisschen zurecht und zentriere sie.

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