Dinner for 1’038

 

The Dinner Party von Judy Chicago ist ein Meilenstein in der feministischen Kunstgeschichte. Die eingedeckte Tafel ist ein Denkmal für 1’038 historische Frauenfiguren der westlichen Geschichte und ist seit 2007 dauerhaft im Brooklyn Museum New York installiert. Zum 10-jährigen Jubiläum des Elizabeth A. Sackler Center for Feminist Art wurde im November letzten Jahres die Ausstellung Roots of “The Dinner Party”: History in the Making eröffnet, die die Entstehung und Hintergründe des imposanten Werks nachzeichnet.

The Dinner Party
Der dreieckige Raum ist schwach beleuchtet und es herrscht eine Atmosphäre, als würde zarte keltische Instrumentalmusik spielen, was natürlich nicht der Fall ist. Sobald man eintritt, steht man direkt an einem der drei Eckpunkten, die die Tafel bildet, und die drei Seiten des riesigen Tischensembles entfalten sich wie von einem gestreckte Arme. Der Effekt ist stark, die Tafel zeigt wie ein Pfeil auf jeden, der sich hineinwagt, man steht an der Spitze einer Pyramide, oder dem Ursprung des weiblichen Geschlechts, der Vulva.

 

Über die Bedeutung der Vulva im Werk haben wir bereits Etliches durch Roots of “The Dinner Party” erfahren, durch die uns Kuratorin Carmen Hermo geführt hat. Die Ausstellung bietet buchstäblich den Rahmen zum eigentlichen Werk, das genau in der Mitte der Galerieräume liegt. Es ist absolut zu empfehlen sich erst alles zum Kontext anzuschauen und dann den Raum zu betreten, die Dramaturgie ist kaum zu übertreffen, wenn man dann endlich sieht, worum man die ganze Zeit gekreist ist – gedanklich und buchstäblich.

Das Ensemble hat etwas Irritierendes, wie es leere gedeckte Tische immer haben. The Dinner Party ist ein Setting für 1’038 Gäste, doch niemand ist dort: An jeder der drei Seiten, die jeweils knapp 15 Meter messen, sind 13 Gedecke aufgetragen. 39 verschiedene, filigran gestaltete Tischläufer, 39 Bestecke aus Keramik, 39 Trinkkelche und 39 handbemalte Teller, jeder ästhetischer als der andere, die (bis auf wenige Ausnahmen) eine farbig kunstvolle Anlehnung an die Vulva abbilden.

 

Ich muss an die Tafelrunde denken, doch die Ritterinnen, die hier sitzen sollten, haben es nie an einen Tisch geschafft. Historisch relevante Figuren von der Urzeit bis ins 20. Jahrhundert, die Urgöttin der Welt, vermeintliche Hexen sind unter ihnen, junge Frauen, die auf Scheiterhäufen verbrannt wurden, noch bis ins späte 18. Jahrhundert. Künstlerinnen wie Georgie O’Keeffe, politische Figuren wie Königin Elizabeth I. oder Eleonore von Aquitanien, eine der einflussreichsten Frauen des Mittelalters, Virginia Woolf – 39 von ihnen. Und auf den perlmutt-weissen Fliesen, die das Fundament bilden, auf dem diese historisch gewichtige Tafelrunde steht, sind weitere 999 Frauen aufgezählt, für die die 39 Gedecke sinnbildlich stehen. 1’038 Gäste. Ihnen allen hat Chicago ein monumentales Denkmal gesetzt.

Jeder Teller, mit Ausnahme desjenigen von Sojourner Truth, ist, in Anlehnung an die anatomischen Variationen einer Vulva und ihrer poetischen Umschreibung als Blume, passend zum charakteristischen kulturellen Beitrag oder Erkennungszeichen der Eingeladenen gestaltet. Die Dinnertafel steht auf einem Boden aus mehr als 2000 weiß glasierten, dreieckigen Fliesen, in die in Goldschrift 999 Namen von mythischen oder historischen Frauen eingeschrieben sind, die ein Zeichen in der Geschichte hinterlassen haben.

 

History in the Making
In der begleitenden Ausstellung, erfährt man so ziemlich alles was es Spannendes zum Kontext der Arbeit zu erzählen gibt. Über die Entstehung, von der Idee der Künstlerin 1974, die sich nach drei Jahren in ein Mammutprojekt entwickelte, sodass Chicago eine riesige Lagerhalle anmietete, in der sich über Jahre die 400 freiwilligen weiblichen Helferinnen getroffen haben, um die filigranen Handarbeiten des Werks auszuführen. Darüber, wie viel Vorarbeit in den einzelnen Tellern stecken, von denen jeder eine kleine Evolution von etlichen Studien durchlaufen hat.

 

Man erfährt über die frustrierenden Reaktionen von offizieller Seite, als das für den damaligen Geschmack obszöne Werk 1979 einem breiten Publikum präsentiert wurde und Gremien verbieten wollten, dass es überhaupt ausgestellt wird. Das Argument: das sei doch keine Kunst, Kunst habe schliesslich keinen Anspruch Geschichte zu vermitteln… Darüber wie erfolgreich sich die Sympathisanten zur Wehr gesetzt haben und den Boycott der Museen umgehen konnten, und The Dinner Party mit Spendengeldern durch ganze Land wandern liessen, wo es in leerstehenden Geschäftshäusern, Galerien und Privathäusern gezeigt wurde.

Und man erfährt wie sich die Kritik am Werk verändert hat, aufkeimenden Vorwürfen des Kitsch, Begeisterung von feministischer Seite, Ablehnung des Werks als zu wenig feministisch, bis hin zu Kritikern, die der grossen Popularität wegen The Dinner Party nicht als ernstzunehmende Kunst werten würden.

Einer bestimmten Episode ist eine ganze Vitrine in der Begleitausstellung gewidmet: die Problematik, dass der Teller von Sojourner Truth, einer schwarzen Sklavin und Frauenrechtlerin aus dem 19. Jahrhundert, als einziger keine stilisierte Vulva zeigen würde, sondern mit afrikanischen Maskenelementen (oben ist ein Bild) einen eher rassistischen Beigeschmack hätte. Dass es weitere Teller ohne Vulva gibt, wie den der Komponistin Ethel Smyth, der einen Flügel – und ich meine hier das Musikinstrument – zeigt, wird bei der effektvollen Diskussion leider unterschlagen.

Ganz zum Missfallen der Kuratorin, die Judy Chicago extra noch dazu befragt hat, als sie letztes Jahr gemeinsam an Roots of “The Dinner Party” arbeiteten. Hermo schob es auf das Alter der fast 80-Jährigen Chicago, dass sie diesen Vorwurf nur genervt abgewunken hat. Erfüllt vom eindrücklichen Staunen, das dieser überdimensionierte leere Tisch im Herzen des Brooklyn Museums in mir hervorgerufen hat, kann ich Judy sehr gut verstehen. Wir können entweder weiter über einen Teller in einem Installation aus den 70ern diskutieren, oder wir fangen an unser Heute umzudenken. Die Tafel zeigt auf uns, jetzt sind wir dran.

 


 

Roots of “The Dinner Party”: History in the Making, Brooklyn Museum New York

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