Lady Bird: Eine Ode an die Jugend

 

Lachse sind Raubfische von bis zu anderthalb Metern Grösse, die vorwiegend im Atlantischen Ozean leben. Sie bevorzugen kalte, sauerstoffreiche Gewässer, ihre Körper sind mässig gestreckt und verfügen als gemeinsames Merkmal über eine strahlenlose Fettflossese und Kiefer, die sie weit öffnen können und die mit kräftigen Zähnen ausgestattet sind. Lachsfische leben entweder ihr ganzes Leben im Süsswasser oder sind Wanderarten, die zwar im Süsswasser geboren werden, dann aber ins küstennahe Meer wandern und dort einige Jahre leben.

Lady Bird erzählt die Geschichte von Christine McPhersons letzten High School Monaten ihres Abschlussjahrs, bevor sie ans College geht. Der Film spielt im Jahr 2002 in der kalifornischen Hauptstadt Sacramento, wo die 17-jährige mit ihren Eltern, ihrem adoptierten Bruder Miguel und seiner Freundin in einem unspektakulären Teil der Stadt wohnt. Sie ist ein wenig aufmüpfig, brilliert nicht gerade in der Schule und hat die typische Teenager-Verzweiflung, die mit der Selbstüberschätzung einhergeht, zu etwas Grösserem bestimmt zu sein und es kaum abwarten zu können, endlich damit anzufangen.

Es war der letzte Abend, an dem mein BFF aus Schulzeiten in New York zu Besuch war. Wir waren müde,  unsere Schuhe noch immer leicht feucht vom Schneeregen, durch den wir den ganzen Tag gelaufen waren und wir wussten nicht recht was wir aus dem Abend machen sollten. Wir entschieden uns ins Kino zu gehen, nicht in erster Linie, um den Film zu sehen, sondern weil sich ein Kinobesuch nach der passendsten Abendgestaltung entsprechend unserer Stimmung anfühlte.

Die Magie des Unspektakulären
Die einzelnen Figuren, die das Leben dieser Teenagerin ausmachen, wirken auf den ersten Blick klischiert, typisch für diese Art von Film eben. Sie verknallt sich in den perfekten Schwiegersohn-Typen, den sie fremdknutschend erwischt – mit einem anderen Jungen. Sie versucht die beste Freundin mit der beliebten, eher dümmlichen Klassenkameradin zu werden, die ihre Röcke immer leicht zu kurz trägt. Sie verknallt sich in den Schönling, der in der Band spielt. Sie verstreitet sich mit ihrer besten Freundin, weil sie plötzlich so anders geworden ist. Keine dieser Sequenzen ist bahnbrechend neu oder auf eine erschütternde Weise neu erzählt.

Bei Lady Bird passiert genau genommen nichts Dramatisches. Nichts, das im klassischen Storytelling einen Höhe- oder Wendepunkt darstellt. Christine McPherson gehört nicht zu den coolen Kids an der katholischen High School, verbringt die meiste Zeit mit ihrer dicklichen besten Freundin Julie und hat genug Sinn für die Welt jenseits ihres Tellerrands, um in ein paar Jahren eine dieser jungen Erwachsenen zu werden, mit der man gerne zu lange Abende in gemütlichen Bars verbringen würde. Christine hat sich den Künstlernamen “Lady Bird” verpasst und besteht vehement darauf, so genannt zu werden.

Sie verliebt sich in den netten Jungen aus dem “besseren” Teil der Stadt, der mit ihr im Schulchor singt, sie kommen zusammen, sind Abends zu lange mit ihren Freunden unterwegs, lachen viel und verbringen diese unspektakulären Wochen des Sommers, die für sie die Welt bedeuten. Diese kleinen Momente sind so taktvoll miteinander verwoben, dass sie das verklärende Gefühl, das beim Gedanken an die eigenen Jugendjahre und die Leichtigkeit dieser Sommer aufkommt, perfekt widerspiegeln.

Erwachsenwerden ist kein Zuckerschlecken
Die 17-jährige kann es kaum erwarten ihrer langweiligen Heimatstadt Sacramento zu entkommen und träumt von den Colleges an der Ostküste des Landes, weit weg von Kalifornien, und dort, wo es Kultur gibt, wie sie selbst sagt. Ihre Mutter glaubt nicht mal wirklich daran, dass sie es auf dem City College schaffen würde.

“You should just go to City College, you know with your work ethic. You should just go to City Colloge, and then to jail, and then back to City College, maybe then you learn to pull yourself up and not expect everybody to—“

Sie kann den Satz nicht vollenden, weil sich Lady Bird in diesem Moment aus Trotz aus dem fahrenden Auto stürzt.

Mutter und Tochter kabbeln sich im Verlauf des Films ständig; schon die ersten Szenen zeigen wie melodramatisch es werden kann, um dann Momente später wieder völlig harmonisch in Belanglosigkeiten überzugehen. Als sich Lady Bird entschliesst, an ihrem letzten Thanksgiving, das sie in Sacramento verbringen wird, mit der Familie ihres Freundes zu feiern, trifft das ihre Mutter sehr. So sehr, dass man aufhorcht.

Man lernt Lady Birds Mutter als starke Person kennen, die als Ärztin Überstunden schiebt, um genug Geld zu verdienen, da ihr Mann gerade auf Jobsuche ist, nachdem man ihn entlassen hat, und auch das komplette Familienleben Zuhause managt. Sie gibt viel und erwartet viel und beim Zuschauen bricht es einem stellenweise das Herz, wenn ihre hohen Erwartungen bei ihrer Teenie-Tochter nur das Gefühl auslösen, ihnen niemals gerecht werden zu können.

 

Der Film schafft es solche Momente von zwischenmenschlicher Tragik – denn gibt es etwas Schlimmeres, als Liebe, die nicht als solche verstanden wird? – ohne den klebrigen Beigeschmack zu erzählen, den Coming of Age Filme oftmals haben.

Wahres Coming of Age
Doch es ist die liebevolle Abneigung, in der von ihnen erzählt wird, die die besondere Tonalität des Films ausmacht. Man spürt, dass diese 17-jährige ihre Aufmüpfigkeit aus dem Luxus einer behüteten Kindheit und Jugend zieht. Auch wenn Konflikte mit ihrer neurotischen Mutter genauso wie Herzschmerz oder die depressiven Züge ihres Vaters, von der sie zum ersten Mal kurz vor dem Ende ihrer Zeit im Elternhaus hört, Teil davon sind.

Die naive Selbstverständlichkeit mit der Lady Bird all diese grossen und kleinen Themen in ihre Weltordnung eingliedert, verraten ihre unverdorbene Unschuld. Und ihr Überdruss angesichts all dessen, was sie schon alles kennt, macht den Film so amüsant. ‘Mach langsam’, möchte man stellenweise rufen, wohlwissend, dass der Punkt kommen wird, an dem sie diese zähen Stunden in Sacramento genauso vermissen wird, wie die garstigen Kommentare ihrer Mutter.

Die wahre Grösse des Films liegt nicht in einer packenden Geschichte. Sie liegt in den vielen Strängen, die sich durch Lady Birds letzten Sommer in der Heimat ziehen. In dem Nebeneinander, in dem sie existieren, und wie sie eigentlich eher im echten Leben zu finden sind, als in seinen filmischen Adaptionen.

Ich kann mir keinen besseren Film vorstellen, den wir an diesem Abend hätten schauen können. Sich an einem verregneten Märztag mit einem der ältesten Freunde, mit dem man all diese kleinen Dramen des Erwachsenwerdens überstanden hat, in diesem Film wiederzufinden! Uns wurde schmerzhaft schön vor Augen geführt, was für ein Geschenk diese naiven Jahre waren. Lady Bird erzählt nicht unsere Geschichte, aber eine Geschichte über die Ungeduld endlich ins Leben zu starten, wo es doch schon längst angefangen hat. Es ist schön, sich dessen bewusst zu werden; denn selbst Lachse kehren nach ihrer Wanderung ins Meer wieder an ihren Geburtsort zurück.


 

In Zürich ist der Film seit letzten Donnerstag im KOSMOS, Riffraff und im Capitol zu sehen.

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