«Midsommar»

Manchmal ist es gar nicht so einfach zu sagen, warum man einen Film schlecht fand. Midsommar ist allerdings ein klarer Fall. Der Horrorfilm des Hereditary-Regisseurs Ari Aster (*1986), der diesen Sommer in den USA herauskam und nun auch seit Anfang Oktober in der Schweiz zu sehen ist, schlachtet die traditionellen Feierlichkeiten Schwedens zur Sommersonnenwende freigiebig aus…buchstäblich. Trotz guter Bilder und sparsam präziser eingesetzter Musik – irgendwann wird es dermassen viel blutrünstige Skandinavità in weissen Leinenkleidern und Blumenkränzen im Haar, dass es nur noch nervt. Man hofft bis zum Schluss auf einen Ironie-Twist, der das Ganze noch retten könnte, doch er bleibt aus. Der Film spaced in immer absurdere Sphären ab, bei denen man spürt, dass sie einen zum Lachen bringen sollten – ein Garant dafür, dass das Gegenteil passiert.

Der Horror rund um die Liebe

Das Set-Up ist klassisch: Eine homogene Gruppe junger US-Amerikanischer Menschen reist in ein fremdes, geheimnisvolles Land auf dem mystischen Kontinent Europa. Sie sind mit einigen einfallslosen Charakteristiken ausgestattet: wir haben den desinteressierten Dümmling, der eigentlich nur Frauen hinterherhechelt, dafür aber viel zu unattraktiv und -interessant ist, den Schwedischen Nice Guy, der dann doch Dreck am Stecken hat, den intellektuellen Schwarzen, der für seine Doktorarbeit nach Schweden reist und professionelle Forschungsarbeit betreibt, indem er Handyfotos schiesst und nach Zufallsprinzip mit Leuten schwatzt – und ein Pärchen. Stimmt, das mit der Beziehung ist neu im Horrorfilm-Setzkasten und wird auch von vielen Seiten als die zentrale Geschichte in Midsommar gehandelt, vermutlich weil es die Medienmitteilung der Produktionsfirma so formuliert hat, denn im Film kommt das so gar nicht rüber.

Die Beziehung zwischen der völlig eindimensionalen Figur von Christian und seiner Freundin Dani kriselt. Eigentlich nervt sie ihn schon seit einem Jahr und zieht ihn mit ihrem Klammern einfach nur runter und der Rat der Weisen entscheidet bei Pizza und Weed, dass Christian endlich den Absprung schaffen muss, schliesslich warten die ganzen heissen Schwedinnen auf sie. Da klingelt sein Telefon und es ist schon wieder Dani, deren Borderline-Schwester sich selbst und die Eltern umgebracht hat. No chill, die Frau. In so einer Situation kann man halt auch nicht Schluss machen und durch ein paar weitere Minuten unerträglichen Alltag dieses Beziehungs-GAUs sitzt sie mit der Truppe im Flugzeug nach Schweden, wo sie eigentlich niemand dabei haben möchte.

Also nun Schweden. Es geht direkt in ein kleines, abgeschiedenes Kaff, um noch weitere klassische Horror-Motive zu zitieren, wo sich die Kommune des Nice Guy befindet, in der er aufgewachsen ist. Nach der Ankunft gibt es erst Mal eine Runde Pilze, schliesslich werden hier heidnische Bräuche und Naturverbundenheit zelebriert. Komplett weiss gekleidete Erwachsene, die durch eine idyllische Landschaft tänzeln haben per se schon etwas Beklemmendes und anfangs trägt die Spannung, die durch die steigende Creepiness der Bräuche aufgebaut wird.

Eine Überfülle an Absurditäten

Schwer zu sagen, wo genau der Punkt liegt, an dem es endgültig zu viel wird. Nach den runenverzierten Steinen, die mit Blut beschmiert werden, kommen zwei öffentliche Selbstmorde, gefolgt vom Schädel Zertrümmern mit einem eigens dafür mitgebrachtem riesigen Holzhammer, weil der zweite doch nicht ganz tot war, ausrastende Touristen, die dann auf mysteriöse Weise verschwinden, ein gellender Schrei im Wald, Liebeszauber und wem das noch nicht reicht, folgt Kannibalismus in Form von Fleischpasteten, Inzucht, ein Behinderter, der das heilige Buch schreibt und dann das Gesicht eines der Verschwundenen trägt (also die Haut von ihm – scheinbar wurde er skalpiert), ein Tanzwettbewerb auf einer Art Kräuter-MDMA-Bowle, bei der die Gewinnerin zur Maikönigin gekrönt wird und dann aussuchen kann, wer das nächste Menschenopfer ist, das dann in den Körper eines frisch ausgenommenen Braunbärs gesteckt und mit zwei Freiwilligen und den anderen Opfern bei lebendigem Leib verbrannt wird.

Ich spoilere noch fertig: Dani wird Maikönigin und sucht als Braunbär-Füllung ihren Freund aus. Der Kreis muss sich ja schliessen und die zentrale Geschichte dieser 147 Minuten Zeitverschwendung ist halt die Paarbeziehung.

Das wohl wirklich Gruselige an diesem Horrorstreifen ist die Beteiligung einer Schwedischen Produktionsfirma. Aster soll eigentlich ein Beziehungsdrama geplant und auf Anfrage der Firma, die einen in Schweden spielenden Slasher-Film wollte, das Drehbuch angepasst haben. Ich bin grundsätzlich keine übermässige Verfechterin von Traditionen, aber ich frage mich, was für ein Interesse diese Firma hat, einen Film zu produzieren, der das Midsommar-Fest zu einem durchgeknallten Heidenkult und Kulisse für irgendwelche Beziehungsbanalitäten macht. Ein heisser Anwärter auf die Top 10 der unsehenswertesten Filme.

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