Toxic Femininity: Der neue Film «Lara»


Es passiert selten, dass ein Film einen wütend macht. Oder besser gesagt: Das Ende des Films. Nicht die Geschichte, die da erzählt wird, von denen gibt es natürlich endlos viele, die einen in diverse Stadien von Traurigkeit (und alles anderen Gefühlsschattierungen) katapultieren. Ich meine explizit den Moment des Endes, wenn der letzte Frame zu schwarz überblendet und der Abspann plötzlich auftaucht, obwohl es gerade die ambivalenteste Situation überhaupt war. Diese vielsagenden, offenen Enden, in denen man völlig allein gelassen wird, wie die Geschichte, die uns die letzten anderthalbstunden emotional gebeutelt hat, abschliesst. Lara ist so ein Fall.

Ein durch und durch un-happy Birthday

Anfang November kam der Film in die Kinos. Es ist das neuste Werk des Regisseurs Jan-Ole Gerster, aus dessen Feder auch der vielfach ausgezeichnete Oh Boy (2012) mit Tom Schilling in der Hauptrolle stammt. Lara zeigt in seinen 98 Minuten einen Tag im Leben der gleichnamigen Protagonistin, die pensioniert in Berlin lebt. Es ist ihr 60. Geburtstag, an dem sie von zwei Polizeibeamten unsanft wachgeklingelt wird, da die beiden ihre Hilfe brauchen, um ohne Durchsuchungsbefehl die Wohnung des Nachbarn auf den Kopf zu stellen. Trotz des trostlosen, berlinisch-grauen Wohnblocks, in dem sie nun lebt, scheint es eine Zeit gegeben zu haben, in der Lara scheinbar über diese bürokratische Macht verfügte, mit der sie die willkürlich die üblichen Amtswege umgehen konnte. Es ist ihr sichtlich unangenehm, als der schnurrbärtige Polizist im beengten Wohnzimmer des Nachbarn bemerkt, dass sie heute einen Runden feiert, man will schliesslich nicht das Gesicht verlieren und zugeben, dass man an einem solchen Tag ganz alleine ist.

Zurück in ihrer Wohnung wird das Ausmass des Alleinseins erst deutlich: Es gäbe da durchaus Leute, allen voran der Sohn, den sie versucht zu erreichen, bevor er ihr noch gratulieren kann. Er ist Pianist und hat am Abend ein wichtiges Konzert, wie Lara rücksichtsvoll am Telefon erwähnt, aber dennoch hofft, sie könnten sich vielleicht kurz vorher treffen. Und das an ihrem Geburtstag! Die arme Frau!

Aber nichts da, im Verlauf des Films wird mehr und mehr klar, dass sie sich in die tragischen Sackgassen, in denen sie steckt, in den letzten Jahren selbst hineinmanövriert hat. Vordergründig geht es um die verkorkste Mutter-Kind-Beziehung, die Lara zu ihrem Sohn Victor hat. Gerster spielt geschickt mit uns, wenn er einen denken lässt, Victor hätte wegen seines grossen Konzerts den Geburtstag der Mutter vergessen. Wunderbar, der Moment, in dem die Geschichte kippt und sich in der Rolle der links liegengelassenen Mutter die Falltür zu weiteren Dimensionen öffnet. Sie ist das Drangsal, das das Leben ihres Sohnes zur Hölle gemacht hat und entlädt ihre eigenen Komplexe noch immer rücksichtslos darüber.

Der Verkettung der verkorksten Leben

Lara tut einige richtigen Dinge aus der falschen Motivation heraus und viele falsche aus undurchsichtigen Beweggründen. Sie ersteht die restlichen Karten für das Konzert am Abend, sodass es ausverkauft ist und verschenkt sie dann entfernten Bekannten in einem gespielten Akt geburtstäglicher Nächstenliebe. Doch in einem entscheidenden Moment, dann als sie Victor schliesslich doch noch aufgespürt hat und ihn zu Kaffee und Kuchen zwingt, versagt sie kläglich in der einzigen Rolle, die der erwachsene Sohn von seiner Mutter noch zu brauchen scheint: Sie kritisiert vernichtend, statt ihm dieses eine Mal mütterliche Begeisterung zu Teil werden lässt. Der arme Mann!

Lara ist ein Beispiel einer modernen Frau, die sowohl Job als auch Muttersein unter einen Hut bekommen hat, doch sie ist alles andere als ein Rollenvorbild. In allen Lebensbereichen ist sie ein absolutes Arschloch und ruft mit ihrer ruppigen, empathielosen Art bei ihren Mitmenschen Irritation oder Abneigung hervor. Noch ein bisschen später an diesem desaströsen Tag trifft sie auf ihren ehemaligen Klavierlehrer, der ihr als Jugendliche demütigend klar gemacht hat, dass sie nicht das Zeug zur Starpianistin habe – einer der Ursachen ihrer Verkorkstheit. Zum Geburtstag eröffnet er ihr nun in einem Nebensatz, dass sie das Talent eigentlich gehabt hätte und das damals ein Spruch von ihm war, der die Spreu vom Weizen zu trennen wusste. Wie vernichtend es sein muss, wenn man die Basis des ganzen Elends des eigenen Lebens entzogen bekommt.

Der Verkettung der Verkorkstheit hat also schon früh begonnen und man möchte Lara fast ein wenig aus ihrer Verantwortung entlassen – die arme kann halt nicht anders. Doch Regisseur Gerster widersteht der Verlockung, die Figur auch nur ansatzweise zu glorifizieren. In so ziemlich jeder Probe, die ihr dieser Tag stellt, entscheidet sie sich ihren festgefahrenen Strukturen entsprechend zu handeln. Selbst dann, als der herzensgute Nachbar, dessen Wohnungsdurchsuchung sie am Morgen ermöglicht hat, nicht aufhört, sie höflich zu umwerben.

Sie hat sich früh – mit der Aufgabe ihrer Musikerinnenkarriere – in ihrer unzureichenden Position eingefunden, rebelliert aber ein Leben lang dagegen und letztlich gegen sich selbst. Bei jeder Wahl, die sich ihr stellt, sehen wir aussenstehende Zuschauer*innen wie einfach es wäre, dem Kreislauf zu entfliehen, verstehen nach all den Sackgassen, durch die uns der Film führt, aber auch, warum es nicht passieren wird. Ihre Zweifel zerfressen alles. Selbst die Beziehung zu ihrem Sohn, die letzten Endes nur eine Verhandlung ihrer eigenen Komplexe ist. Wenn das nicht toxic femininity ist, was sonst? Und vielleicht ist deswegen das offene Ende so schwer zu ertragen: Auch nach 98 Minuten intensiven Psychogramms und ganz viel Verstehen, warum die Dinge so laufen müssen, wie sie laufen, gibt es keine Antwort, ob und wie der Kreislauf der Verkorkstheit jemals gebrochen wird.



Sehenswert ist der Film aber absolut, ich lege ihn jedem ans Herz, der besser mit Ambivalenz umgehen kann, als ich. Und falls nicht: Ihr seid nicht allein. Und wer noch mehr lesen möchte: Hier geht es zum Interview, das SPEX auf einem Spaziergang mit Jan-Ole Gerster durch Berlin geführt hat.

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