Women. Und Picasso, du Arsch.

 

Heute ist Weltfrauentag. Wir können alle auf ein bewegtes Jahr zurückschauen. Der Sturm, der im letzten Herbst im Zuge von #metoo ausgelöst wurde, steht heute im Fokus der weltweiten Debatten und wird uns auch in Zukunft weiterhin beschäftigen. Die Wucht hat mitunter Museen ins Schwanken gebracht und Fragen aufgewirbelt wie: Sollen voyeuristische Bilder wie die von der “Thérèse rêvant” von Balthus im New Yorker Metropolitan Museum abgehängt werden? Müssen literarische Werke zensuriert, Fotografien von Mario Testino gelöscht werden?

Thérèse rêvant von Balthus im Metropolitan Museum

 

Ich bin Feministin. Und trotzdem.

Ich bin Feministin. Denn ich träume von einer Gesellschaft, in der Gleichberechtigung herrscht. Ob das nun heisst, dass es zwei, fünf (wie bei den Navajo-Indianern) oder unendlich viele Geschlechter gibt, ist zweitrangig (nicht aber die Erkenntnis, dass der binäre Geschlechtercode mehrheitlich sozial konstruiert ist und im Dienst machtpolitischer Interessen steht). Alle haben ein Recht auf Nicht-Diskriminierung aufgrund von Rasse, Behinderung, Geschlecht oder sexueller Ausrichtung.

Vor diesem Hintergrund wage ich – es mag nun für einige überraschend klingen – auf die obigen Fragen mit einem Nein zu antworten: Bilder sollen nicht abgehängt, literarische Werke nicht zensuriert und Fotografien nicht gelöscht werden. Und das aus einem einfachen Grund: Kulturgut ist Kulturgut. Und menschliche Schaffenskraft als darunterliegende Energie ist nicht gleichzusetzen mit der Zerstörung, die über Missbräuche, psychische Manipulation, Vergewaltigung und Lohndiskriminierung entsteht. Will heissen: Das Werk und die Person sind voneinander zu trennen. Benimmt sich jemand wie ein Arsch, soll er/sie dafür entsprechend büssen. Ein Beispiel: Picasso war der Hinterletzte. Ein frauenverachtendes Manipulationsbiest. Seine Ex-Frauen haben alle Selbstmord begangen, als sie von ihm verlassen wurden. Françoise Gilot war die einzige, die zuerst ging. Und deshalb überlebte. Picasso rastete daraufhin aus und meinte selbstverliebt: “Niemand verlässt mich.”

Picasso, du Arsch

Muss nun Picassos Giganto-Werk, das überall auf der Welt versträut ist, abgehängt und in die Archive verschanzt werden? Müssen nun seine Bilder – Meilensteine der Kunstgeschichte – dafür büssen? Während er seelenruhig im Grab liegt? Wäre es nicht besser gewesen, er wäre von seinen Künstlerkollegen (das waren unter anderem Kandinsky, Braque, Monet und viele weitere Grössen) für sein Verhalten schon damals kritisiert, gar gemieden worden? Wäre er nicht besser von der Justiz untersucht worden? Dann wären seine Bilder gar nicht erst entstanden, die nun abgehängt werden müssten.

Stattdessen wurde er angehimmelt. Und er verewigte sich als Genie in den Geschichtsbüchern. Sowas konnte nur dank männerdominierter Machtpolitik passieren. Und das gilt es eigentlich zu ändern.

Welche Lehren ziehen wir daraus?

Wir ändern nichts, wenn wir Bilder zensurieren. Das ist nur medienwirksame Ablenkung. Hinzu kommt noch die Frage, ob solche Zensur überhaupt zu den Aufgaben eines Museums gehört. Meiner Meinung nach ist seine Aufgabe genau das Gegenteil: Es muss Kunst zeigen, das die richtigen Fragen stellt, um als Spiegel der Gesellschaft zu dienen. Dazu gehört auch das Unangenehme, das Abgründige. Und anstatt dass wir versuchen, Dinge ungeschehen zu machen (im Sinne von: Aus den Augen, aus dem Sinn), sollten wir lieber hinsehen. Die Bilder analysieren. Debattieren. In einen Kontext stellen. Und noch wichtiger: Wir sollten uns stets fragen, was wir anders machen können. Welche Lehren ziehen wir daraus?

Klar ist: Wir brauchen neue Bilder. Neue Geschichten. Wir können unsere Mädchen nicht mehr mit dem Traum vom küssenden Prinzen aufwachsen lassen. Wir dürfen nicht mehr zulassen, dass ein Picasso ungeschoren davon kommt.

 


 

Passende Ausstellung in Winterthur

Women. Frauenbilder durch die Jahrhunderte

24.2. – 17.6.2018 | Reinhart am Stadtgarten

Die Schau überprüft die Rollenbilder der Frau in der Kunst: Vom männlich dominierten Blick auf die Frau im 19. Jahrhundert bis hin zu zeitgenössischen Künstlerinnen wie Pipilotti Rist und Candice Breitz, die versuchen, diese Klischees aufzubrechen.

In der Ausstellung Women treffen im spannungsreichen Dialog stolze Bürgersfrauen auf laszive Aktmodelle von Altmeistern wie Pierre Bonnard und Félix Vallotton – aufgemischt durch radikale Interventionen zeitgenössischer Künstlerinnen.

Mehr Infos: https://www.kmw.ch/ausstellungen/women/

Leave a Comment

Your email address will not be published. Required fields are marked *