Women. Und wieder einmal Picasso (du Arsch?)


Ein Jahr ist es her, seit ich den Artikel Women. Und Picasso, du Arsch
anlässlich des Weltfrauentages veröffentlicht habe. Da war ich noch der felsenfesten Überzeugung, dass der Künstler “der Hinterletzte [sei]. Ein frauenverachtendes Manipulationsbiest.” Heute, ein gebrochenes Herz später, möchte ich nochmals einen Anlauf wagen und zulassen, dass die aufschlussreichen Seeleneinblicke, die ich vom Künstler beim Besuch der Ausstellung “Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode” zumindest glaube, erhascht zu haben, meine ursprünglichen Annahmen über ihn – und damit über typisch männliches Verhalten im Allgemeinen – erschüttern.

Ich will mit dem Bild anfangen, das mich beim Besuch der Ausstellung am meisten berührt hat:

Femme assise au fichu

Es handelt sich hier um eine Frau, die wohl in einer Zelle des Pariser Frauengefängnisses Saint-Lazare sitzt, das Picasso im Herbst und Winter 1901/02 mehrmals aufsuchte. In dem Gefängnis waren auch zahlreiche Prostituierte untergebracht, von denen viele unter Geschlechtskrankheiten litten. Picasso fand in Gemälden wie diesem Zugang zu sozialen Themen wie Not, Elend und Einsamkeit. Die In-Sich-Gekehrtheit, der leere Blick der Frau, haben mich sogleich eingefangen und zutiefst berührt. Das hell beleuchtete Gesicht verleiht ihr eine gleichermassen tiefgründige wie monumentale Anmutung. Könnte ein selbstbezogenes Arschloch so ein Bild kreieren, sich einen solch feinfühligen Zugang zur Welt verschaffen? Was ist mit dem jungen Picasso passiert?

Was ist mit dem jungen Picasso passiert?
Robert I. Sutton ist Arschloch-Forscher. Oder formeller ausgedrückt: Er ist Organisationspsychologe und Professor an der Business School der Stanford University. Er untersucht vorwiegend Manager, die sich wie Arschlöcher benehmen und die Bedingungen, die solches Verhalten begünstigen: “Man setzt sie unter Druck, entzieht ihnen den Schlaf und behandelt sie grob, das reicht schon.” Das reicht schon. Anders als unsere freud’sche Kultur, die das innere Selbst für die einzig wahre Instanz hält, misst Sutton den äusseren Gegebenheiten für die Bestimmung eines inneren Selbst vielmehr Wert bei. Äussere Bedingungen – wie eben ein bisschen zu wenig Schlaf und ein bisschen zu viel Stress – können unseres inneres Arschloch zum Leben erwecken. Das hat wenig mit der Vorstellung gemein, dass jemand als fixfertiges Arschloch auf die Welt kommt und sich trotz Psychoanalyse nicht weiter zu helfen weiss.

Picasso, der just zu der Zeit zur Welt gekommen ist, als Sigmund Freud seine Lehren von der kindlichen Sexualität und vom Unterbewusstsein zu verbreiten begann, muss meiner Ansicht nach also irgendetwas zugestossen sein, damit er zu der Person wurde, die er eben wurde. Am Erkennbarsten ist dies an folgenden beiden Werken, zwischen welchen lediglich ein Jahr liegt:

Das Porträt von Madeleine steht in der Phase des Übergangs von Blau zu Rosa. Fast vier lange und schmerzvolle Jahre sind diesem Werk vorausgegangen, die Picasso gebraucht hat, um den Selbstmord seines besten Freundes Carles Casagemas zu überwinden. Der Grund für sein Begehen: Die unerwiderte Liebe einer Frau. Dieser tragische Verlust liess Picasso wohl in eine tiefe Depression versinken. Casagemas’ Tod ist ein wiederkehrendes Motiv seiner damaligen Werke und er konnte einfach nicht anders, als in Blautönen zu malen. Eine Katastrophe, denn seine Werke liessen sich nicht verkaufen, was ihn an die Existenzgrenze trieb. Madeleines Zartheit schien den Künstler endlich von seiner Wehmut zu befreien vermögen. Man erkennt, ja, man spürt förmlich die Liebe, Zuneigung und sanfte, sexuelle Anziehung, die der Künstler zu Madeleine gespürt haben muss. Man weiss nicht viel über Madeleine, ihre Identität ist nicht bekannt. Sie hätte mit Picasso ein Kind bekommen, liess es jedoch abtreiben und entschwand in die Tiefen der Geschichte, zu der wir nie Zugriff haben werden. Es muss Picasso aber zutiefst getroffen haben, denn obschon er bereits mit Fernande eine Liebesbeziehung eingegangen war, die bis 1912 andauern sollte, malte er zahlreiche Mutter-und-Kind Sujets. Just zu der Zeit, als das Kind mit Madeleine zur Welt hätte kommen sollen.

Ab 1906 entwickelte Picasso radikal die Bildsprache des Primitivismus. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten malte er fast ausschliesslich Frauenakte und löste sich dabei zusehends von seinem früheren Werk. Es ging ihm nicht mehr darum, Gefühle darzustellen, sondern neue Formen zu erproben. Er reduzierte seine Suche auf das Archaische und das Unnahbare. Er wendete sich, anders gesagt, den existenziellen Fragen des menschlichen Daseins zu und verliess die unendlich schmerzvollen Weiten der Essenz. Das muss, meiner Meinung nach, ein bewusster Entscheid von Picasso gewesen sein. Ein Entscheid, der auf all den Erfahrungen und damit verbundenen Gefühlen basierte. Er hat, in meinen Augen, nicht auf-, jedoch nachgegeben.

Picasso und sein Kostüm
Melancholische Harlekine und Clowns sind die einzigen Motive, die sich in Picassos Gesamtwerk, von den Anfängen bis zum bitteren Ende, durchziehen. “The show must go on” hätte wohl Picassos Motto lauten können. Er war ein Mann, der in jungen Jahren viel emotionales Leid erfahren hat, meist ausgelöst über die direkte oder indirekte Beziehung zum anderen Geschlecht (davon können wir alle ein Lied singen). Er hat in seinen Anfängen sein höchst feinfühliges Wesen der groben Welt vollständig ausgeliefert, sich hinein begeben in die Wogen der Gefühle und sich dank seiner Empathiefähigkeit einen Zugang zum Reich der Sorge verschafft, dem wohl ursprünglichsten aller Gefühle der Menschheit. Und irgendwann ist es ihm eben zu viel geworden. Weder finanzielle noch soziale Anerkennung sind durch diese höchst edle Auseinandersetzung mit der Welt einhergegangen, noch hat ihn Madeleine zu befreien vermocht. Im Gegenteil: Sein letztes Stück Hoffnung wurde ihm geraubt. Nichts, wirklich gar nichts, hat es ihm gebracht, gegenüber dem Leben sensibel und emotional zu sein. Also hat er damit radikal gebrochen, sein Kostüm übergestülpt und nach neuen Wegen gesucht, um sein Überleben (=Existenz) zu sichern. “Fuck this shit”, muss er sich wohl gesagt haben. Und dann wurde er eben zu dem Picasso, zu dem er geworden ist.

Sind alle Männer wie Picasso, oder was?!
Ich habe am Anfang geschrieben, dass ich meine vor einem Jahr getroffenen Annahmen über Picasso revidieren will – und damit auch diejenigen über typisch männliches Verhalten im Allgemeinen. An einem Tag, bei dem es um Frauen geht, ist es unvermeidlich, auch über Männer nachzudenken. Männer, die gleichermassen zur hochsensiblen Sorte gehören können wie Frauen: Ungefähr 10% bis 20% aller Menschen sollen ein besonders engmaschiges Nervenkostüm besitzen, das sie noch empathischer, noch empfindsamer und somit auch sorgenvoller (negativ ausgedrückt: neurotischer) macht als die restlichen 80% bis 90%.

Dieses Persönlichkeitsmerkmal betrifft Frauen und Männer gleichermassen. Nur wird Sensibilität je nach Geschlecht anders gewertet, was sozial und kulturell bedingt ist. Während es an einem Ende des Geschlechterkontinuums heissen mag, dass man “zu emotional” oder gar “zu hysterisch” sei, tönt es auf der männlichen Gegenseite eher so, dass man endlich aufhören solle, sich wie “eine Mimose zu benehmen”. Es ist einfach, vor allem nach einem gebrochenen Herzen, das andere Geschlecht allgemeingültig als “dumme Bitches” oder als “selbstbezogene Arschlöcher” abzutun und sich an die Ufer der Schwarz-Weiss-Malerei zu retten.

Schwieriger ist es, ja, verantwortungsvoller wäre es, verstehen zu wollen. Man muss nicht alles verstehen können im Leben, das ist klar und hat auch mit Loslassen zu tun. Es ist aber ziemlich erleichternd festzustellen, dass hinter den meisten Fassaden oftmals die gleichen, urmenschlichen Gefühle und Sehnsüchte walten, die wir bereits aus Homers Odyssee kennen. Schlussendlich wollen wir einfach nur dafür anerkannt und bedingungslos geliebt werden, für wer wir sind. Und diesem Umstand verständnisvoll gegenüber zu treten, könnte helfen, unsere Geschlechterkomplexe endlich abzulegen. Ein Mann ist nicht einfach ein Macho, ein Arschloch. Er ist – wenn schon – zum Arschloch geworden. Eine Entwicklung, die eigentlich beschreibt, was wir heute unter “toxic masculinity” verstehen. Was können wir als Gesellschaft tun, damit das nicht mehr, oder zumindest nicht mehr so oft, passiert?, sollte eigentlich die Frage sein. Und nicht: “How to get rid of an asshole in ten days.”

Letzteres kann eine Lösung sein für eine akute Situation, aus der man unbedingt rauskommen sollte. Aber damit sollte sich der Feminismus nicht beschäftigen. Wir brauchen einen Feminismus, der geschlechterspezifische Valorisierung gewisser Charakterzüge bekämpft, welche dem (zwischen-)menschlichen Verhalten schadet. Welche zu “toxic masculinity” führen kann. Da wäre bei der Akzeptanz von Sensibilität – bei Frauen (hysterisch) und Männern (Mimosen) – ein guter Anfang gemacht. Damit Picasso nicht zu dem hätte werden müssen, der er schliesslich geworden ist.



Die Ausstellung Der junge Picasso – Blaue und Rosa Periode ist noch bis am 26. Mai in der Fondation Beyeler zu sehen. Mein Tipp: Nehmt unbedingt Noise Cancelling Kopfhörer mit, um euch nicht von der Besuchermasse stören zu lassen. Lasst Chopins Nocturnes laufen, am Besten.

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