To all the Boys I’ve loved before

 

Letzte Woche fing es in meinem Instagram-Feed an: Dieser eine Account, der mich mit sinnlosen Memes und Videos versorgt, postete etwas à la ‘dieser Film ist so viel besser als dieser andere Film’. Dass ich nicht mehr zur eigentlichen Zielgruppe von @course gehöre, merkte ich daran, dass ich weder den einen (To all the Boys I’ve loved before), noch den anderen (The Kissing Booth) gesehen hatte – geschweigedenn jemals von ihnen gehört hatte.

“Teenage Romcom Cinematic Excellence”
Die Bilder waren kitschig und ich scrollte weiter. Doch wie so häufig war dieser erste Post von course nur das Vorbeben der medialen Lawine, die mich anschliessend überrollen sollte. Kein Tag verging seitdem, an dem ich nicht etwas zu To all the Boys I’ve loved before gesehen, gelesen oder gehört hätte. War das nur diese verdammte Content-Bubble, die mir immer wieder die gleichen Inhalte vorführte, oder war dieser Film tatsächlich das monumentale Werk unserer Zeit, als das es verkauft wurde?

Der Netflix-Film wurde genau vor 10 Tagen, am 17. August 2018, veröffentlicht und legt schon staunenswerte Statistiken aufs Parkett. Netflix’ hauseigene Zahlen sind noch nicht bekannt, aber allein der Trailer wurde 4 Millionen Mal auf youtube geschaut; der Film wurde auf IMDB mit einer stolzen 7.6 bewertet und streicht eine 95%-ige Empfehlung auf Rotten Tomatoes ein. Die Teenie-Romcom (Romantic Comedy) basiert auf dem ersten Teil der Roman-Trilogie von Jenny Han, der 2014 veröffentlicht wurde und schnell zum Bestseller avancierte. Kein Wunder, er spiegelt den absoluten Alptraum so ziemlich jeden Teenagers wider: Lara Jean Song Covey, 16, Schülerin, schreibt jedes Mal, wenn sie so richtig in jemanden verknallt ist, einen Liebesbrief an ihn, sendet sie aber nie ab. Eines Tages landen die Briefe natürlich bei ihren Empfängern (#OMG) und das Drama nimmt seinen Lauf. Dass der Hauptdarsteller Noah Centineo als neuer Stern am Teenie-Schwarm-Himmel gehypt wird, hilft der Popularität des Films sicher zusätzlich.

Viel Buzz um eine Hausproduktion
Netflix bezeichnet sich selbst in Pressemittelungen als “the world’s leading entertainment service” und wenn man sich die Reichweite der Berichterstattung zur Teenage-Romanze anschaut, muss man ihnen Recht geben. Die grossen Online-Content-Feeds berichten allesamt in einer Form über den Film, die man wie einen Zwischensnack konsumiert. 5 Gründe, warum man den Film gesehen haben muss; 8 Dinge, die du noch nicht gewusst hast; Hintergründe zum süssesten Bild des Films lassen Fans ausflippen. Und ich rede hier von Seiten wie BuzzFeed, deren globales Publikum bei 650 Millionen Besuchern liegt, die für monatlich 9 Milliarde Views sorgen. MILLIARDE.

Doch nicht nur diese Art von neuen Content-Wundern mit ihren Listen-Artikeln sind auf den To all the Boys I’ve Loved before-Zug aufgesprungen. Auch andere Produzenten, Magazine und Institutionen berichten über die Netflix-Produktion, auch solche, die, anders als der Instagram-Account course, definitiv eine andere Zielgruppe bedienen. Vox, Vogue, Elle, der STERN, Cosmopolitan, TIME – sie alle schauen sich diesen einstimmig zum Hit erkorenen Film genauer an. Manchmal hat es einen politischeren Beigeschmack wie bei der Repräsentationsfrage von asiatisch-stämmigen Amerikanischen Teenies (juhu, endlich eine Person of Color als Protogonistin vs. warum verliebt sie sich in den white boy?) oder einen soziologischen in der Frage, ob Romcoms zurück sind. Doch jedes Medium scheint eine Relevanz im Film zu erkennen.

Self-fulfilling Prophecy
Investigativ wie ich bin, habe ich mir To all the Boys I’ve loved before tatsächlich angeschaut. Ich wurde nicht enttäuscht, die 1.5 Stunden sind genau das, was man von ihnen erwartet: ein Spannungsbogen, der in das Schema passt, das man seit Anbeginn der 90-minütigen seichten Filmproduktionen kennt, Charaktere, die man ins Herz schliesst und genau das richtige Maß von süssen kleinen Aww-Momenten. Kein Drama, kein echter Schmerz, nur die Probleme, die einem als Jugendlichen noch die Welt bedeuten. Ich sehe durchaus, worin der Hit-Charakter liegt. Für Teenies auf dem ganzen Planeten handelt es sich um die perfekte Romanze, wie sie sich wohl jeder wünscht, und für Erwachsene um die perfekte Flucht in eine nostalgische Erinnerung an unbeschwerte Momente der Liebe. Ein Guilty Pleasure par excellence.

Doch dass der Film ohne das geniale Marketing überhaupt auf der Welle des Hypes schwimmen würde, bezweifle ich. In seinem schemahaftigen Aufbau, der ihn so komfortabel vorhersehbar macht, liegt auch seine Schwäche. Er ist austauschbar. Ich bin sicher, auf Netflix tummeln sich zig vergleichbare Romanzen, hauseigen oder von anderen Produktionsfirmen. Doch der Schachzug der medialen Lawine zahlt sich aus. Längst haben sich Berichte rund um To all the Boys I’ve loved before-Welt verselbstständigt und Videos der Schauspieler, wie sie im wahren Leben miteinander abhängen, kursieren und der Wirbel selbst wird thematisiert. Und an einem langweiligen Abend (oder katrigen Mittag), wenn man verloren und uninspiriert durch die Online-Bibliothek von Netflix klickt, werden einem die Gesichter der Hauptdarsteller doch irgendwie bekannt vorkommen…und vom Titel hat man ja auch schon gehört…und zack, schon ist man mitten in den 90 Minuten Gefühlsachterbahn.

Von Beginn an wurde der Film als Hit positioniert und mit viel Trubel in die Welt geschickt. Der Effekt der Self-fulfilling Prophecy greift voll: Wer ihn nicht gesehen hat, scheint etwas zu verpassen. Solltet ihr nun heute Abend alle nach Hause rennen zum Netflix and chill? Ganz ehrlich nur, um anschliessend mitreden zu können, bis der Hype in einigen Tage/Wochen abgeflaut ist. Süss war es trotzdem.

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