Untertage: Ein Besuch im Dolder Waldhuus

 

In Zürich wird ein Gebäude abgerissen. Das wundert so erstmal niemanden. Man horcht auf, wenn es darum geht, dass es sich um ein ehemaliges Hotel handelt und wird neugierig, wenn der Schlüsselbegriff “Zwischennutzung” fällt.Es ist Samstag Abend, es schneit. Gestern ist noch der öffentliche Verkehr aufgrund der 3 cm hohen Schneeschicht zusammengebrochen, heute trägt uns die Dolderbahn den Hang des Adlisbergs hinauf. Der rote Wagen ist voller als es für diesen Teil Zürichs um diese Uhrzeit üblich ist. Man steht eng und es könnte fast Ski-Gondel-Feeling aufkommen, wenn nicht die Kleiderordnung und der rote Lippenstift verraten würden, dass hier Vernissagengänger unterwegs sind.

Die Station heisst noch immer ‘Dolder Waldhaus Hotel’, auch wenn der graue Betonklotz schon seit letzten Herbst nicht mehr als solches genutzt wird. In der Nacht verschluckt die Dunkelheit die grauen Waschbeton-Türme mit ihren rostroten Gitterstäben an den Balkonen – besser so, werden die meisten sagen, die das Ensemble schon bei Tag gesehen haben. Mehr Altersheim als 4-Sterne-Hotel sind sie dem Zürcher seit ihrem Bau 1975 ein Dorn im Auge, gerade ihrer villenübersäten Nachbarschaft.

Auf dem Vorplatz der Haltestelle deutet nichts darauf hin, dass hier in den nächsten Stunden mehr gehen wird, als automatische Tore, die den SUVs Ein- und Auslass auf die leicht zurückversetzten Gelände hinter den Zäunen und Mauern gewähren. Unser Schuhwerk ist denkbar ungeeignet für die Suche nach der “Anlieferung”, die an der steilen, ungeräumten Kurhausstrasse liegen soll. Unsere Destination: die Eröffnunge von Untertage im Waldhuus.

Gezeigt werden best-of Arbeiten von Mitgliedern der Vereinigung visarte, die quasi Lobbyismus für Kunst betreiben: als Teil des Berufsverband für visuelle Kunst setzen sie sich für Anliegen von KünsterInnen und ArchitektInnen ein. Erstmals findet die Ausstellung in den ehemaligen Diensträumen des Hotels statt, die im Gegensatz zu den zwischenvermietenen Hotelzimmern zurzeit leerstehen.

Die Zwischennutzung des Projekts Interim hatte 2017 schon für viel Aufsehen gesorgt. Bis Ende 2019 konnte man in Hotelzimmern und Suiten des Dolder Waldhauses sehr günstigen Wohnraum, Atelier- und Büroflächen mieten, einmaliger Blick inklusive. Über 1000 Anmeldungen gingen ein, seit Juli wird nun zwischengenutzt.

Eigentlich hätte schon letzten Herbst, direkt nach der Schliessung des Hotels, der Abriss des ungeliebten Wahrzeichens der 70er Jahre Architektur beginnen sollen. Ein Neubau ist geplant, wieder ein Hotel, diesmal jedoch modern, elegant geschwungen und ein Harmonie mit seiner Umgebung zwischen Stadt und Wald.

Geplant und umgesetzt wird das Ganze von den Architekten Meili & Peter, deren Stärke vor allem in neu gedachten Aufteilungen von Innenräumen liegt. 2012 startete das Projekt, 2018 sollte das neue Waldhaus eröffnet werden, doch man hatte die Rechnung ohne die Anwohner gemacht. Jemand legte Rekurs gegen die Pläne ein, der Start verzögerte sich und man entschied, das Projekt bis Ende 2019 zu pausieren.

Zum grossen Glück für das Projekt Interim, visarte und für uns, die wir sonst eher selten in dieser Gegend unterwegs sind. Wer das Grand Hotel Dolder kennt, wird verstehen, warum wir stimmungstechnisch das Grand Budapest Hotel im Hinterkopf hatten, als wir uns auf den Weg zur Dolderbahn machten. An der “Anlieferung” angekommen ist jedoch klar, dass es atmosphärisch eher Richtung The Shining gehen wird.

 

Kühle Gänge und Hallen, Backstein, Beton und diese gespenstische Verlassenheit, die nur leerstehende Orte versprühen, an denen nicht mehr gearbeitet wird. Die Umkleiden des Hotelpersonals, deren einzige Spuren die halb abgekratzten Stickern auf den verbeulten Spinten sind, der abgestolperte grün-glasierte Gussboden und die bunten Kindermalereien im Neonlicht – man würde sich gruseln in diesem real gewordenen Horrofilm-Setting, wären da nicht die Mitstreiter aus der Dolderbahn, die sich durch die Gänge drängen.

 

Dampfender Punsch hilft gegen die Kälte der ungeheizten Räume und das ständige Hantieren mit dem grossen Lageplan, um sich in den verschlungenen Fluren der zweistöckigen Ausstellung nicht zu verlaufen, tut sein übriges. Was zu sehen ist, reicht von Video-Art, abstrakter Malerei, Skulpturen und konzeptuellen Installtionen und zeigt die Breite des Zürcher Kunstschaffens aus der visarte Perspektive. Freunde wie das Corner College (Open space for occasional pseudo-academic activities), die Galerie Die Diele, der Verein Kunsthaus Aussersihl und das Projekt The Museum of the Unwanted mischen sich unter die Vielfalt.

 

Nach gut einer Stunde geben wir uns der Kälte geschlagen und lassen uns von der Dolderbahn wieder unterhalb der Schneegrenze tragen. Die Begeisterung hält an, wir geloben uns wiederzukommen, um mehr von der creepy Hotelstimmung aufzusaugen, solange die staubigen leeren Diensträume noch nicht abgerissen sind. Untertage selbst läuft noch bis 7. Januar immer Donnerstag, Freitag und Samstag mit diversen Veranstaltungen:

Sa, 16. Dez, 15 Uhr:
Performances von Svetlana Hansemann und von Olivia Wiederkehr
Do, 28. Dez, ab 16.30 Uhr:
Kaffee, Kunst und Konversation mit Artist/Curator Clare Goodwin und special guests
Sa, 6. Jan, 13 Uhr:
Die Diele zeigt Shortcuts von Nino Baumgartner (Gutes Schuhwerk, Platzzahl beschränkt, Anmeldung unter info@diediele.ch)
So, 7. Jan, 14 Uhr:
Corner College lädt zu Künstlergespräch und Diskussion mit Johanna Bruckner, Anne-Laure Franchette, Michael Günzburger und Milva Stutz

Und falls es mit unserem Gift Guide geschenketechnisch noch nicht geklappt hat, kommt hier noch ein extra Schmankerl: Man kann die ausgestellten Werke auch gleich noch erwerben.

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