58. Biennale: May you live in interesting times

In einer Rede Ende der 1930er Jahre berief sich der britische Abgeordnete Sir Austen Chamberlain auf einen alten, chinesischen Fluch, den er von einem britischen Diplomaten erfahren hatte: Mögest du in interessanten Zeiten leben (engl. May you live in interesting times). “Es besteht kein Zweifel, dass der Fluch auf uns gefallen ist”, bemerkte Chamberlain. “Wir bewegen uns von einer Krise zur nächsten. Wir erleiden einen Schock nach dem anderen.”

Der Kurator der 58. Biennale in Venedig – Ralph Rugoff – greift diese historische Episode in seinem Statement über die Ausstellung auf. Der namengebende, chinesische Fluch weist auf das postfaktische, krisendurchzogene Zeitalter hin, in dem wir leben. Sorgen um den Klimawandel, um Fake News, um den aufstrebenden Rechtspopulismus und um Algorithmen à la Black Mirror bringen uns um den Schlaf. Gleichzeitig gab es noch nie so viel Wohlstand wie heute: Zum ersten Mal in der Weltgeschichte sollen mehr Menschen an Über- als an Untergewicht sterben, so der Historiker Yuval Noah Harari. Es ist also ein Zeitalter der Paradoxe. Ein Zeitalter der “Post-Irgendetwas” (bspw. des Post-Kapitalismus). Nur eines scheint sicher zu stehen: Nach dem “Post” muss immer etwas Neues folgen. Wir befinden uns also in einer Schwellenzeit, in der sich vieles noch bewahrheiten muss. Wir leben in interessanten Zeiten, wissen aber noch nicht, ob damit Gutes oder Schlechtes gemeint ist. Damit beschäftigt sich die internationale Ausstellung der diesjährigen Kunst-Biennale in den Giardini und im Arsenale in Venedig. Wir haben uns etwas umgeschaut und ein paar Highlights für euch herausgepickt.

Sun Yuan und Peng Yu

Can’t help myself (2016) des chinesischen Künstlerpaares ist die wohl aufsehenerregendste Installation an der ganzen Biennale. Sie besteht aus einem riesigen, robotisierten Besen, der in einem Käfig unaufhörlich versucht, Blut aufzuwischen. Das gelingt dem Besen natürlich nicht, und manchmal rastet er etwas aus. Sun Yuan und Peng Yu sind für ihre schockierende Kunst bekannt. Der uncanny Effekt dieser Arbeit geht aber selbst hartgesottenen Kunstliebhabern unter die Haut – und das, obwohl es sich nicht einmal um richtiges Blut handelt. Die Künstler haben nämlich normalerweise gar keine Berührungsängste damit und haben sogar schon einmal mit Baby-Kadavern gearbeitet.

Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė

Weniger unheimlich aber nicht minder Gänsehaut-erregend ist der litauische Pavillon, der dieses Jahr mit dem goldenen Löwen ausgezeichnet wurde. Auf Artnet wurde die preisgekrönte Installation Sun & Sea (Marina) (2019) treffend beschrieben: “It’s only after sitting there for a while that you realize this is how the world actually ends. Not with a bang, but with something much more human: resignation, self-absorption, laziness. As the pavilions’ organizers note, “contemporary crises unfold easily, softly—like a pop song on the very last day on Earth.” Leider findet die Performance nur mittwochs und samstags statt. Mit entsprechender Wartezeit ist zu rechnen.

Arthur Jafa

Für den Film The White Album (2018) hat Arthur Jafa den Goldenen Löwen für die internationale Ausstellung erhalten. Mit schnellen Schnitten (seine Spezialität) reiht er Videoclips aneinander, die er im Internet gefunden hat und die allesamt die Gefahr vermitteln, die von der White Supremacy ausgehen. Das Video beginnt mit einer verdächtigen Aussage einer jungen, weissen Frau, welche sie als eigentliche Rassistin entlarvt: “Let me start by saying that I am the farthest person from being racist.”

Haris Epaminonda

Die zypriotische Künstlerin ist bekannt für ihre Collagen und architektonisch anspruchsvollen Installationen. Oft arbeitet sie mit objets trouvés, die sie sorgfältig arrangiert. Dies hat sie auch für die diesjährige Biennale getan und mit VOL. XXVII (2019) den silbernen Löwen für die internationale Ausstellung erhalten. Sie kombiniert Skulpturen, Töpferwaren, Bücher und Fotografien, die in ein Netz historischer und persönlicher Bedeutungen eingebunden sind, welche aber der Öffentlichkeit und wahrscheinlich auch ihr unbekannt sind. Sie ignoriert damit aber nicht ihre Geschichten (und die Geschichte als Ganze). Die neu arrangierten Gegenstände üben ihre Kraft implizit aus und werden im Auge des Betrachters und der Betrachterin sanft in eine neue Geschichte überleitet.

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