Da würden sich die Eames im Grab umdrehen

 

„Clevere Köpfe kaufen Bauhausmöbel direkt in Italien!“ – So lauten die Slogans, mit denen Firmen im Süden für nachgebaute Designobjekte werben. In Deutschland hingegen wäre sowas nicht möglich, Fälschern drohen da bis zu drei Jahre Gefängnis. Dafür gibt es haufenweise andere Anbieter, die ähnlich aussehende Möbel unter anderem Namen produzieren, und zwar zu spottbilligen Preisen. Und auch Vintage-Originale sind hoch im Kurs: Sobald ein Eames-Sessel im Brockenhaus landet, ist er auch schon wieder verkauft. Am jährlichen Vitra-Ausverkauf im November übernachten Leute auf dem Gelände (Minustemperaturen!), um am nächsten Tag als Erste eines der herabgesetzten Lieblingsstücke im Shop zu ergattern. Bei all dem kann ich an nichts anderes denken, als an die Reaktion von Ray und Charles, wenn sie von all dem wüssten. Ich sehe sie mental vor mir, wie sie den Kopf ungläubig schütteln.

 

An Eames Celebration

Charles und Ray Eames zählen zu den bedeutendsten Designern des 20. Jahrhunderts. Mit ihren Möbeln, Filmen, Büchern, Ausstellungen und Medieninstallationen beeinflussten sie Generationen von Gestaltern und prägen auch heute noch unsere Alltagskultur. Kein anderer Designername steht so sehr für technische Perfektion und Zeitlosigkeit, aber auch für die spielerische Start-Up-Kultur der amerikanischen Westküste, die die Eames’ maßgeblich prägten.

So lautet der Text zur aktuellen Ausstellung An Eames Celebration im Vitra Design Museum. Dass das Designer-Ehepaar also gefeiert wird, ist klar. Viele kennen wahrscheinlich auch ihre Möbel-Klassiker: Zum Beispiel der Lounge Chair aus dem Jahr 1956, der mit seiner Palisanderschale und den Lederpolstern als Inbegriff des luxuriösen, aber zwanglosen “California Modern”-Stils gilt. Und auch der Side Chair, der zunächst aus fiberglasverstärktem Polyesterharz und später aus Polypropylen gefertigt wurde. Den Lounge Chair erhält man im Vitra Shop ab 5’370 CHF. Ein Side Chair kostet je nach Modell mindestens 290 CHF.

 

Im Grab umdrehen

Das sympathische Ehepaar – er Architekt, sie bildende Künstlerin – hat der Welt mit seiner Kreativität wirklich Gutes getan. Und das hatten sich die beiden auch gross auf die Fahne geschrieben. Ganz nach der Bauhaus-Philosophie stand die Funktionalität und die Verwendung industrieller Werkstoffe bei ihrer Arbeit im Vordergrund. Zwei Elemente, die vor allem einem Zweck dienen sollten: Möbel zu erschwinglichen Preisen zu entwickeln, die der aufsteigenden Mittelklasse ein Leben in comfort and in style ermöglichten. Denn so musste sich der Durchschnittsamerikaner nicht mehr zwischen Schrott oder Palazzo-Baldachin entscheiden. Dank den Bauhaus-Möbeln gab endlich eine Alternative, ein Mittelmass!

Doch genau daran scheitert der aktuelle Designer-Hype heutzutage. Klar, die Möbel sind qualitativ äusserst hochwertig und halten wahrscheinlich auch ein Leben lang. Deswegen sollten sie auch als Investition gesehen werden. Aber das ganze Marketing hat die Möbel von ihrer Grundphilosophie vollkommen entfernt. Heute geht die Mittelklasse zu Ikea und kauft Möbel, die den Eames-Klassikern ähnlich sehen. Und baut sie selbst auf. Von der Qualität wollen wir gar nicht erst sprechen. Dass ihre Möbel für die Mittelklasse wegen der hohen Preise praktisch unerreichbar bleiben, hätten die bescheidenen Eames ganz bestimmt nicht gewollt.

Wie bei so vielen Dingen, hat Marketing zwar funktioniert, aber halt auch gewütet.  Wenn beim nächsten Vitra-Ausverkauf Haare ausgerissen und Ellbogen geprellt werden, drehen sich bestimmt die Eames mehrmals im Grab um.


 

An Eames Celebration – Bis 25. Februar 2018

Die aktuelle Ausstellung im Vitra Design Museum ist nur noch bis Ende Februar zu sehen. Sie ist überschaubar und deshalb auch ziemlich angenehm. Man wird nicht mit allzu viel Fachbegriffen und komplexen Materialien niedergeschlagen, sondern bekommt eher einen Einblick in die menschliche Seite der beiden Designer, die auch für ihre kreative Tätigkeit von grosser Bedeutung war. Mein Highlight waren die sorgfältig gestalteten Liebesbriefe von Ray an Charles. Also auch geeignet für ein Valentinstags-Date!

Mehr Infos dazu hier.

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