If Beale Street Could Talk von James Baldwin

 

And everything was different. I was walking through streets I had never seen before. The faces around me, I had never seen. We moved in a silence which was music from everywhere. Perhaps for the first time in my life, I was happy and knew that I was happy, and Fonny held me by the hand. It was like that Sunday morning, so long ago, when his mother had carried us to church.

Fonny had no part in his hair now – it was heave all over his head. He had no blue suit, he had no suit at all. He was wearing an old black and red lumber jacket and old gray corduroy pants. His heavy shoes were scuffed; and he smelled of fatigue.
He was the most beautiful person I had seen in all my life.

He has a slow, long-legged, bowlegged walk. We walked down the stairs to the subway train, he holding me by the hand. The train, when it came, was crowded, and he put an arm around me for protection. I suddenly looked up into his face. No one can describe this, I really shouldn’t try. His face was bigger than the world, his eyes deeper than the sun, more vast than the desert, all that had ever happened since time began was in his face. He smiled: a little smile. I saw his teeth: I saw exactly where the missing tooth had been, that day he spat in my mouth. The train rocked, he held me closer, and a kind of sigh I’d never heard before stifled itself in him.

It’s astounding the first time you realize that a stranger has a body – the realization that he has a body makes him a stranger. It means that you have a body, too. You will live with this forever, and it will spell out the language of your life.


 

Warum dieser Auszug?

James Baldwin (*1924) ist die Stimme des schwarzen Gewissens unter den amerikanischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts.  Während der Bürgerrechtsbewegung der 1960er gilt er als wichtiger Intellektueller und in den Themen, die er in seinen Romanen verarbeitet – Rassismus, Sklaverei, Glaube und Religion, Liebe – spiegeln sich die sozialen Konflikte des Amerikas dieser Zeit wider.

Auch If Beale Street Could Talk lässt sich als gesellschaftskritischer Roman lesen: Die Geschichte beginnt, als die 19-jährige Tish ihren Freund Fonny – 21 –  im Gefängnis besucht, wo er seit kurzem einsitzt. Sie erzählt ihm, dass sie schwanger ist, sie ein gemeinsames Kind erwarten, und die Hoffnung, dass Fonny bis zur Geburt wieder frei sein wird, schweisst sie zusammen. Ihm wird als afro-amerikanischer junger Mann eine Vergewaltigung vorgeworfen, doch er sitzt zu Unrecht hinter Gittern und erst im weiteren Verlauf stellt sich heraus, dass es eine Geschichte von fast unerträglicher Ungerechtigkeit ist, die sich hier entfaltet. Man kann die Geschichte also durchaus so lesen. Ich habe mich aber für den Auszug oben entschieden, weil sie neben all den Ebenen von Rassenkonflikten, Diskriminierung, Identität und Systemkritik noch mehr ist – nämlich in erster Linie eine Geschichte der Liebe.

Baldwins Roman lässt die Erzählerin Tish – die 19-Jährige junge Frau, die als Verkäuferin in einem Kaufhaus arbeitet – die Ereignisse aus ihrer Perspektive berichten. Ihre ganze Sprache, die so reich an all den kleinen besonderen Beobachtungen und Details ist, wurzelt in einer naiven Unschuld. Tish stammt aus einer schwarzen Arbeiterfamilie: Der Umgang zwischen Mutter und Vater und ihrer grösseren Schwester ist direkt, ein wenig rau, aber immer geprägt von einem Urvertrauen, das von der tiefen Zuneigung der einzelnen Familienmitglieder zueinander kommt. Eine Zuneigung, die so gesetzt und gegeben ist, dass sie es Tish ermöglicht, aus dem Milieu, das gegen sie als junge, schwarze Frau arbeitet, mit dieser naiven Unschuld hervorzugehen. Ihre Figur verfügt über eine Reinheit, die nichts mit der geheuchelten (christlichen) Moral der Frauenfiguren aus Fonnys Familie zu tun hat. Sie ist nicht verbittert, böswillig oder hat diese Grundhaltung, dass das Leben ihr etwas schuldet, was es bisher noch nicht eingelöst hat. Und in Fonny hat sie einen Partner gefunden, der ihr auf dieser Ebene begegnet und mit dem sie unauflösbar verbunden ist, seit ihrer gemeinsamen Kindheit.

«Fonny liked me so much that it didn’t occur to him that he loved me. I liked him so much that no other boy was real to me. I didn’t see them. I didn’t know what this meant. But the waiting moment, which had spied on us on the road and which was waiting for us, knew.»

– heisst es an einer Stelle. Sie sind einander Schicksal noch bevor sie selbst davon wissen. In dieser Unausweichlichkeit liegt eine enorme Kraft, die grösser ist als die beiden. Als Liebespaar stehen sie aber gleichzeitig im Zentrum dieser Geschichte der Liebe: Sie beide – Fonny und Tish, Tish und Fonny – haben einander und verfügen damit über eines der tiefsten Geheimnisse, so unwissend sie vom Rest der Welt aufgrund ihrer jungen Jahre auch sein mögen. Das Grausame an Baldwins Erzählung ist, dass dieser Rest der Welt sich so zwischen die beiden schiebt, dass ihre unausweichliche Einheit und Gemeinsamkeit auseinandergerissen wird. Von Ungerechtigkeit, Rassismus, Hass und Zwietracht. Baldwins Stil lässt es zu, dass all diese Ebenen nebeneinander existieren; eine Qualität, die dem wahren Leben mit all seinen vielschichtigen Verstrickungen quälend nahe kommt.


 

Interessiert?

James Baldwin ist 1987 verstorben und für eine Weile von der Landkarte der Weltliteratur verschwunden. If Beale Street Could Talk ist sein fünfter Roman und beschreibt ein unruhiges New York der 1970er: Im East Village spitzt sich der Kampf um den liberalen Umgang mit Homosexualität zu, die Lower East Side ist noch ein gefährliches Pflaster und Lofts für ein junges Pärchen wie Tish und Fonny sind erschwinglich, Schwarze halten den Blick gesenkt und wechseln die Strassenseite, wenn sie einen Polizisten erblicken, bloss um nicht in Konflikt mit der Staatsgewalt zu geraten und eingesperrt zu werden. Vieles hat sich inzwischen verändert, aber eben nicht alles. Seit dem Aufschwung der Black Lives Matter-Bewegung und weltweiten Rassismus-Debatten, haben Baldwins Werke wieder Brisanz erhalten. Die Stärke seiner Geschichten liegt darin, dass sie einen kaum erträglichen Zustand sozialer Ungerechtigkeit beschreiben – und das beklemmende Gefühl beim Lesen heraufbeschwören, dass diese Zeiten noch lange nicht vorbei sind.

Hier kannst du If Beale Street Could Talk kaufen.

James Baldwin

 


 

Wer noch mehr wissen möchte

Barry Jenkins, der Regisseur des wunderbaren Oscar-Gewinners Moonlight, hat das Buch verfilmt und Kinostart ist schon in wenigen Tagen (14. Dezember 2018). Leider nur in Amerika, hierzulande müssen wir uns bis Mitte Februar gedulden, was angesichts des Trailers verdammt hart werden wird.

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