We need to talk: Das Ende der Sicherheit


Wir leben in einer Gesellschaft, die auf der Grundidee der Demokratie beruht: Macht und Regierung gehen vom Volk aus. In Deutschland, der Schweiz und den anderen europäischen Staaten im politischen Dunstkreis leben wir ausserdem mit dieser Tatsache als Selbstverständlichkeit, denn in den Jahrzehnten und Jahrhunderten vor uns, wurde der Kampf um diese Gesellschaftsform bereits ausgetragen.

Ich habe mir nie bewusste Gedanken dazu gemacht, was diese Selbstverständlichkeit für jeden einzelnen bedeutet – abgesehen davon, ab dem wahlberechtigenden Alter seine Rechte und Pflichten wahrzunehmen. Ich will ehrlich sein: Für mich bedeutet das in der Praxis meistens, dass ich mich kurz vor den Wahlen hinsetze und mir versuche Übersicht zu verschaffen, welcher Volksvertreter oder welche Partei am ehesten meiner Grundeinstellung entspricht. Der politische Alltag mit GroKo in Deutschland oder der Bundesrats-Departementsverteilung in der Schweiz ist nicht Teil meines Alltags.

Das Ende der Sicherheit

Wie ist es also passiert, dass ich mich Mitte Oktober im Theater Neumarkt bei der Talk-Reihe Das Ende der Sicherheit zum Thema Rassismus, Political Correctness und Postkollonialismus wiederfand? Und noch mehr: Sogar richtig Lust hatte, mitzureden?

Seit meinen vier Monaten in den USA Anfang 2018 geht mir das Thema Rassismus näher. Ich drücke das so vorsichtig aus, um nicht zu sagen, dass ich dort damit konfrontiert wurde im Sinne einer direkten, persönlichen Erfahrung, sondern um deutlich zu machen, dass ich in diesem anderen Gesellschaftssystem gemerkt habe, dass die weitgehend rassefreie Bubble des bürgerlichen deutschen Haushalts, in der ich gross geworden bin, eine Illusion ist. (Um es noch vorsichtiger zu formulieren: Ich kann hier nicht behaupten, dass Rassismus in Deutschland eine Illusion ist oder meine Bubble davon verschont blieb, aber ich glaube weitestgehend frei von diesen Einschränkungen habe aufwachsen dürfen und meine Entscheidungen nach meinen Kriterien treffen konnte – ein absolutes Privileg!)

Was für eine delikate Herausforderung es ist, über diese Themen zu reden und wie bereichernd der Einblick in die Perspektive von anderen ist, die andere Erfahrungen gemacht haben! Seitdem habe ich Spass an dieser Art von Austausch gefunden und bin der absoluten Überzeugung, dass der Zeitgeist es nötig macht, dass er stattfindet. Das Konzept hinter der Reihe im Theater Neumarkt ist daher so simpel wie genial: Es fordert einen Austausch ein.

Das Publikum ist gefragt

Der Name leitet sich aus einem Zitat des inzwischen wieder höchst brisanten Schriftstellers James Baldwin ab:

Any real change implies the breakup of the world as one has always known it, the loss of all that gave one an identity, the end of safety.

James Baldwin, Nobody Knows My Name

Die Gespräche führt jeweils Spoken Word Poetin Fatima Moumouni, die an der ersten Ausgabe die Absurdität ihrer Auftritte an Multikultifesten, Integrationstagungen und Toleranzwochen betont: Als Afro-German Künstlerin verfasst sie Texte und Gedichte, die grosse Themen wie Rassismus verhandeln und trägt sie diesem (sensibilisierten) Publikum in diesem künstlichen Rahmen vor, alle klatschen. Manchmal provoziert sie, manchmal dreht sie den Spiess um und schreibt nicht über das Schwarz-Sein als Anderssein, sondern hinterfragt das Weiss-Sein, manchmal bringt sie solch böse Anekdoten, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Und danach?

Das Theater Neumarkt habe ihr freie Hand bei der Gestaltung der Talk-Reihe gelassen, erzählt sie am zweiten Abend, der gut einen Monat später, Mitte November, stattfindet. Das Ende der Sicherheit scheint einen Schritt weiter zu gehen als die Multikultifeste, jetzt ist nämlich das Publikum gefragt. Als «ein gefährliches Unterfangen» wird der Abend augenzwinkernd im Programm angekündigt. «Sie reden!»

Die ersten beiden Ausgaben sind bereits gelaufen und nach meinen Erfahrungen mit der Totenstille im Anschlus an die meisten Vorträge, die ich in Zürich besucht habe, als die Aufforderung im Raum stand, nun an der Diskussion teilzunehmen, (die dann meistens nur von einer älteren Dame oder einem älteren Herren gebrochen wurde, die/der eigentlich ja keine Frage habe, mehr eine Anmerkung…), war die Bereitschaft, an diesen beiden Abenden am Ende der Sicherheit mitzureden, sowas von gegeben.

Nach dem Thema Kolonialismus mit dem Gast Jovita dos Santos Pinto – Mitbegründerin von Bla*sh – Black She, einem Netzwerk Schwarzer Frauen in der Deutsch-Schweiz und Doktorandin zum Schwerpunkt Postkolonialismus – drehte sich der zweite Abend um das Aufwachsen in der Schweiz als Nicht-Weisse, das Anpassen, das ewige «vo wo chunnsch?».

Und danach?

Heute Abend, Montag 10. Dezember, steht die dritte Ausgabe der Talk-Reihe an: Feminismus heute vs. früher und das Altern. Puh, es geht mit grossen Themen weiter, dachte ich vorhin, als ich mich ein bisschen vorbereitet und den Gast des heutigen Abends – Klara Obermüller – gegoogelt habe. Ich bin auf ein Interview mit der ZEIT von ihr gestossen, in dem sie über das Älterwerden als Frau, über den körperlichen Zerfall und die Verweigerung von Ruhestand spricht.

«… meine Generation [ist] die erste, die dieses neue Lebensalter durchläuft, für das es weder Vorbilder noch Inhalte noch Begriffe gibt: die zehn bis fünfzehn Jahre zwischen aktivem Erwerbsleben und Hochaltrigkeit, in denen die Menschen noch sehr fit sind und gern einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen möchten.»

– sagt sie darin. Eine bezeichnende Feststellung, wie ich finde, die mir bewusster die Herausforderungen der Generation in diesem Alter vor Augen geführt hat. Das Ende der Sicherheit scheint uns alle ergriffen zu haben: überall wird dekonstruiert, überall werden Neudefinitionen nötig. Ich bin gespannt auf heute Abend, wenn Fatima Moumouni das Publikum wieder herausfordert, seine Gedanken zu formulieren. Denn das ist nötiger denn je. Vielleicht ist es meine innere ‘Kuriousität’, die Unruhe, die wissen will, wie es weitergeht, aber ich frage mich seit einigen Wochen, ob wir die Zeit der Verwirrung, des Auseinanderbrechens der Welt wie wir sie kennen, nicht langsam akzeptieren sollten und weitergehen müssen. Es gibt keine binären Geschlechtercodes, keine Rasse, keine Nationalstaaten, keine klassische Rollenverteilung, keine Zukunftssicherheit, kein Europa, kein «Deutschsein», kein religiöses Heilsversprechen (mehr) – also sollten wir uns nicht langsam mit der grossen Frage beschäftigen, was uns als Menschen und Gesellschaft ausmacht? Klar, dass diese Frage nicht ad hoc beantwortet werden kann, aber eine Perspektive zu haben, auf die man zusteuert, hilft bei der Orientierung raus aus dem Scherbenhaufen, in dem wir weltweit stehen.

Der Ansatz vom Ende der Sicherheit scheint mir da der hoffnungsvollste. Denn – um zurück zum Anfang zu kommen – wir leben in einer Gesellschaft, die auf der Grundidee der Demokratie beruht. Um den Diskurs ins Rollen zu bringen, in welche Richtung es nun gehen soll, braucht es Leute, die ihn führen. Verpflichtet die Selbsverständlichkeit, in dieser Gesellschaftsform zu leben, nicht dazu? Mitzureden und anderen zuhören? Der Einwand, der im Theater Neumarkt am zweiten Abend fiel, dass der Rahmen der kulturlinken Institution nicht weit genug greife, mag berechtigt sein. Doch wenn ich mir überlege, wie sehr mir allein das Zitat von Obermüller zum Alter den Horizont erweitert hat, bin ich überzeugt, dass der Einblick, den so ein Abend in all die verschiedenen Bubbles und Realitäten der Teilnehmer gewährt, jedem einzelnen etwas bringt. Und schliesslich – so viel Pathos erlaube ich mir – beginnt es in jedem einzelnen mit einem sensibilisierten Bewusstsein. Denn das James Baldwin Zitat, auf dem Das Ende der Sicherheit fusst, geht eigentlich noch weiter:

And at such a moment, unable to see and not daring to imagine what the future will now bring forth, one clings to what one knew, or dreamed that one possessed. Yet, it is only when a man is able, without bitterness or self-pity, to surrender a dream he has long possessed that he is set free – he has set himself free – for higher dreams, for greater privileges.

James Baldwin, Nobody Knows My Name

Reden wir also miteinander, es ist der erste Schritt in die richtige Richtung.

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