3 Dinge, die mir so wichtig waren, dass sie es nie nach Aussen geschafft haben


Seit ich mit 17 oder 18 eine Zeit lang anonym Bücher von Khalil Gibran geschickt bekommen habe, stehe ich dem Philosophen und Schriftsteller des frühen 20. Jahrhunderts ein wenig skeptisch gegenüber. Ich habe bis heute nicht rausgefunden, wer mir die Bücher geschickt hat (und warum??) und das ungute Gefühl hat sich unberechtigterweise auf den Autoren übertragen. Aber im Alter wird man weiser, und als ich zu Weihnachten mal wieder eines seiner Bücher geschenkt bekommen habe – und diesmal wusste von wem–, habe ich ihm eine Chance gegeben. Ein Satz von Gibran hat schliesslich eine für mich grundlegende Überlegung angestossen (und ich wage es an dieser Stelle, mich selbst zu zitieren #einermussja):

Denn wie oft steht man innerlich vor einem Thema oder einem Gedanken, den man für so fundamental erachtet und dem eine so grosse Bedeutung zukommt, dass es Zeit braucht, um ihn zu fassen. Und ihn dann zu ordnen. Und ihn dann noch zu formulieren. Gerade bei den wichtigen Dingen hakt der Prozess häufig und die Gedanken schaffen es nie nach Draussen.

Hier der ganze Beitrag dazu. Wie absurd, gerade diese Dinge, an denen einem etwas liegt, besonders lange unter Verschluss zu halten. Komplexe Gedanken brauchen ihre Reifezeit, aber versanden sollten sie eben schon auch nicht. Also folgt nun Fundamentales in Kurzform, weil es die Essenz von kurious ausmacht und schon viel zu lange ein trauriges Dasein in meinem Hinterkopf geführt hat – inklusive den Gründen warum es bisher nicht erschienen ist.

1. FILM: No Date, No Signature

Um was es geht:

Beim letzten Iranian Film Festival Zürich wurde das iranische Drama No Date, No Signature aus dem Jahr 2017 unter der Regie von Vahid Jalilvand gezeigt.

Warum das Ganze teilenswert ist:

Lieben wir nicht alle solche Filme, die uns mit den Grundfragen des Seins konfrontieren? In No Date, No Signature baut der Arzt Dr. Nariman aus Unachtsamkeit einen Unfall, bei dem er einem Roller, auf dem eine ganze Familie unterwegs ist, den Weg abschneidet.

Sie stürzen, aber niemand verletzt sich ernsthaft – ausser der kleine Sohn, der über Kopfschmerzen klagt. Doch sein Vater will partout nicht ins Krankenhaus mit ihm, auch nicht, als Dr. Nariman ihm Geld für die Behandlung in die Hand drücken möchte. Ihre Wege trennen sich, doch am nächsten Tag landet eben jener kleine Junge im Krankenhaus – zur Autopsie. Er ist in der Nacht an einer augenscheinlichen Lebensmittelvergiftung gestorben, nur Dr. Nariman zweifelt, ob es nicht die Folgen des Unfalls waren, die den Jungen sein Leben gekostet haben.

Der Film handelt eine Vielzahl von Themen in den unterschiedlichsten Dimensionen ab: Fangen wir nur mal bei Dr. Nariman an, der im Zwiespalt steht, ob er mit einer gründlicheren Autopsie der Frage nachgehen soll, ob die Kopfverletzung als Todesursache in der Nacht zuvor wirklich auszuschliessen ist, und sich die Schuld womöglich selbst auflädt, wo doch alle bereits an die Vergiftung glauben.

Oder gesellschaftliche Themen, wie das Gefälle von Arm und Reich, wo die einen als Familie auf einem alten Roller unterwegs sind und Gammelfleisch kaufen, die anderen als Ärzte im Auto unterwegs sind? Oder das Wechselspiel mit Sympathien, wie die Wut auf den Vater, der billiges, altes Fleisch für seine Familie kauft und die übermannende Empathie, wenn man vom Druck erfährt, der auf ihm als «Ernährer» lastet. Oder wie bei Dr. Nariman, der ja im Prinzip alles richtig gemacht hat und nach dem Unfall ins Krankenhaus wollte, und dem man dieses Zögern einer erneuten Untersuchung des Leichnams gerne nachsehen möchte, da er doch sonst so ein Guter ist. In der Theorie ist es einfach, aber was heisst schon richtig und falsch in der jeweiligen Situation?

Warum ich es bisher nicht geteilt habe:

Vor der Vorführung wurde eine kleine Verlosung abgehalten, bei der der Festical/ Artistic Director Yadolah Dodge das Wort geführt hat. Zwei Leuten aus dem Publikum wurde ein Wellness-Wochenende in irgendeinem Berghotel verlost, das als Sponsor beim Festival beteiligt ist.

Die Ansprache und das ganze Zeremoniell, das nicht länger als 5 Minuten ging, haben mich Tränen lachen lassen, so absurd-witzig hat es Yadolah Dodge mit seinen unzusammenhängenden Bemerkungen und Weisheiten präsentiert. Herrlich! Ich wollte unbedingt ein Interview zu den Hintergründen des Festivals mit ihm und habe deswegen mit dem Bericht über No Date, No Signature gewartet…bis heute, schliesslich habe ich bisher noch nicht mal die Anfrage an ihn losgeschickt.

2. BUCH: Ein wenig Leben

Um was es geht:

2017 erschien Hanya Yanagiharas Roman A little Life in der deutschen Übersetzung als Ein wenig Leben und wirbelte die Feuilletons auf. Die fast 1000-seitige Erzählung entfaltet die Geschichten von vier Männern, die sich am College in New York kennenlernen und deren Freundschaft sie ihr ganzes Leben miteinander verstrickt bleiben lässt.

2017 im Hanser-Verlag erschienen

Warum das Ganze teilenswert ist:

Es handelt sich bei Ein wenig Leben um eines jener Bücher, die man wirklich nirgends mit hinnehmen möchte: 1000 Seiten, Hardcover, man schleppt quasi einen Backstein zusätzlich mit sich herum. Aber – meine Güte – wo habe ich das Buch alles hingeschleppt, weil ich jede freie Minute damit verbringen wollte, auch nur wenige Zeilen weiterzulesen. Immer wieder schön, wenn ein Buch so von einem Besitz ergreift. Und das tut Ein wenig Leben im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist eine intensive Geschichte, wie man in den ersten 100-200 Seiten noch nicht vermuten würde.

Wir lesen von vier Studenten in New York namens JB, Willem, Malcolm und Jude, die in ihren College-Jahren zueinander finden, obwohl sie sehr unterschiedlich sind, sowohl was die Herkunft als auch ihre Art betrifft. Sie werden Freunde, erleben gemeinsam schäbige Wohnungen, schlechtes Essen, grossartige Partys und die Erfolge und Rückschläge ihrer ersten Schritte im Erwachsenenleben.

Als Hauptfigur kristallisiert sich mit der Zeit Jude heraus, ein Waise, der seit einem Unfall Probleme mit den Beinen hat und an Krücken geht und in dessen Vergangenheit dunkle – sehr dunkle – Kapitel von Missbrauch, Gewalt und Misshandlung schlummern. Diese tun sich in weiteren hunderten von Seiten so schmerzhaft auf, dass man sich stellenweise wünscht, das Buch wäre endlich vorbei. Aber immer wieder schiebt Yanagihara einen weiteren schweren Vorhang beiseite, hinter dem eine weitere Grausamkeit wartet.

Alles andere als leichte Kost und sich dermassen auf ein Buch einzulassen ist mitunter kein leichtes Unterfangen. Wer es allerdings wagt, wird mit einem wirklich ergreifenden Stück Literatur belohnt – und geht es eigentlich nicht darum?

Warum ich es bisher nicht geteilt habe:

Schreib mal einer eine Rezension über ein 1000-Seiten-Wälzer. Alleine die Handlung einigermassen wiederzugeben, würde ewig dauern. Dann noch die ganzen Themen, die die Autorin einflechtet und wie man diese einordnen könnte und was alles relevant/interessant/neu/gekonnt/missglückt am Buch ist. Puh. Nun, da ich mich in diesem Rahmen darauf beschränkt habe, das krasse Gefühl zu beschreiben, das man als Leser*in hat, ging es. Siehe oben. Und dann kauf das Buch, wenn du dich traust.



Hier gibt es eine recht umfangreiche Leseprobe für alle, die ein Gefühl für Ein wenig Leben bekommen möchten.

3. KÜNSTLER: Arthur Jaffa

Um was es geht:

Arthur Jafa ist ein Videokünstler, dessen Arbeit ich an der Art Basel 2017 entdeckt habe, als ich in einem verdunkelten, vollen Raum zum ersten Mal das Video APEX (2013) sah. Drei Mal hintereinander und wie hypnotisiert starrend, um anschliessend benommen durch den Rest der Messe zu laufen, weil ich nicht einordnen konnte, was ich da gerade gesehen hatte. Als Mitte Dezember 2018 dann ein Artist Talk mit Jafa in der LUMA Foundation Zürich stattfand, habe ich ihn zum ersten Mal über seine Arbeiten reden hören – und war restlos begeistert.

Arthur Jafa, Foto: Katherine McMahon

Warum das Ganze teilenswert ist:

Es ist einer der nervigsten Nebeneffekte vom hoch kontextuellen Contemporary Art System, dass die Wirkung eines Werks und seine Bedeutung nicht mehr synchron gehen. Manchmal passiert es, dass man sich ewig mit den Wandtexten und Infomaterialien in die Denkweise eines*r Künstlers*in einliest, begeistert ist und am Ende das visuelle Ding, das eigentliche Werk, vor dem man steht, dagegen einfach nur abstinkt. Bei Jafa ist es anders. Gerade so, als ob sich Theorie und Praxis in ihrer Grossartigkeit gegenseitig beflügeln und in der Bedeutung steigern.

Nie, wirklich nie, habe ich so allumfassende Ansätze zu Pop-Kultur gehört, wie von Jafa. In seinem Talk im Dezember spannte er den Bogen von Basquiat (den er persönlich kannte) zu Duchamp, über Improvisations-Sequenzen im Jazz zur Afro-Amerikanischen Erfahrung von Identitätsverlust, zu Berliner Techno und Kanye West. Und all das machte so viel Sinn!

Arthur Jafa gibt es schon lange in der Welt der Pop-Kultur, er hat mit Solange Knowles, Beyoncé und Jay-Z an Videos gearbeitet und schon in den 1990ern Kurzfilme herausgebracht, die die Black Identity von US-Amerikanern thematisieren. Er befasst sich in seinen Installationen, Happenings und Filmen mit dem Experiment ein visuelles Kanon zu schaffen, das dem der US-Amerikanischen Black Music entspricht – sowohl in seinen Inhalten, als auch in der Popularität.

How do we imagine things that are lost? What kind of legacy can we imagine despite that loss and despite the absence of things that never were?

Arthur Jafa

Ich poste hier kein youtube-Video seiner Arbeiten, sondern erlege es jedem auf, sich mindestens ein Mal im Leben ein Arthur Jafa Video in entsprechender Umgebung anzuschauen (also nicht im Bett mit dem Laptop auf dem Bauch). Es ist eine körperliche Erfahrung, die eure Meinung zum Potential von zeitgenössischer Kunst auf den Kopf stellen wird. Und nein, ich übertreibe nicht.

Warum ich es bisher nicht geteilt habe:

Ganz ehrlich – keine Ahnung. Zu viel Euphorie vielleicht? Ich könnte noch Stunden über ihn weiter schreiben.



Hier ist ein Video des Talks vom 15. Dezember 2018 in der LUMA Foundation, an dem ich war.

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