Vom allzu Wahren


Es gibt Aussagen, die etwas dermassen präzise auf den Punkt bringen, was man selbst nie hat formulieren können, aber augenblicklich als richtig empfindet. Sie greifen ein vages Gefühl in einem auf und erschrecken einen fast ein wenig, wenn man sie schwarz auf weiss irgendwo stehen sieht. In diesen Momenten, in denen ich so einen Satz lese, ruft es in meinem Kopf immer laut “JA!” und schnipst dazu.

Zugegeben, das mit dem Schnipsen hat sich mein Kopf erst seit der längeren Zeit in den USA angewöhnt, wo die New York Times schon 2015 das Zeitalter des Snappings ausgerufen hat (Why Snapping is the new Clapping) und es interessanterweise mit der unmittelbaren Feedback-Kultur erklärt, zu der uns Likes, Retweets und Shares erzogen hat. Statt bis zum Ende zu warten und klassisch Applaus zu spenden, werden Aussagen gerne schon während ihrem Entstehen mit geschnipster Rückmeldung versehen – ein bisschen wie man in religiöseren Kreisen bestärkende Amen! einwirft. Aber ich komme vom Thema ab, denn eigentlich geht es mir ja um diese allzu wahren Sätze.

Mir ist letzthin nämlich einer begegnet, an den ich im Anschluss in verschiedensten Lebenssituationen denken musste. Ein Weisheits-Joker quasi.

Die Wirklichkeit eines anderen Menschen liegt nicht darin, was er dir offenbart, sondern in dem, was er dir nicht offenbaren kann.
Wenn du ihn daher verstehen willst, höre nicht auf das, was er sagt, sondern vielmehr auf das, was er verschweigt.

Khalil Gibran
(Live-Schaltung in meinen Kopf)

Denn wie oft steht man innerlich vor einem Thema oder einem Gedanken, den man für so fundamental erachtet und dem eine so grosse Bedeutung zukommt, dass es Zeit braucht, um ihn zu fassen. Und ihn dann zu ordnen. Und ihn dann noch zu formulieren. Gerade bei den wichtigen Dingen hakt dieser Prozess gerne an irgendeiner Stelle und die Gedanken schaffen es nie nach Draussen.

Das gilt bei mir sogar für Themen, über die ich hier auf kurious schreiben möchte. In meinen Notizbüchern, auf losen Post-Its und seit ich die entsprechende App auf meinem Telefon entdeckt habe, auch dort, – es gibt so viel, was ich für unbedingt teilenswert halte (weil es berührt, weil es fasziniert, weil es begeistert oder erschüttert), das aber so komplex ist, dass ich mir genügend Zeit nehmen müsste, um diesen Dingen gerecht zu werden. Und Joelle hat in ihrem letzten Beitrag schon festgestellt, dass das mit der Zeit so eine Sache ist.

Über Wochen und Monate kumulieren sich die Ideen, man archiviert sie säuberlich chronologisch in den hinteren Schubladenschränken der Gedanken und zu allem Übel fängt dann noch die neurotische Seite in einem an, zu verhindern, dass man über etwas Wichtiges berichtet, das gerade erst passiert ist, solange man die anderen grossen Themen nicht behandelt hat.

Und dann stolpert man über so einen Satz wie den von Gibran und erinnert sich daran, dass die Wirklichkeit auf irgendeinem zerknitterten Post-It oder im Schubladenschrank schlummert. Raus mit ihr in die Welt! Auch wenn die Überlegungen dazu noch nicht so ausgereift sind, wie es die Dinge verdient hätten.



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